Verteidiger der Wahrheit

Nach dem Attentat in Norwegen: Neu war offenbar, dass er nicht, wie die Rechtsnationalen, eine „Nation“ verteidigen wollte, sondern „Europa“. Die konservative Gesinnung verband sich mit der Ideologie vom „Abendland“, mit der Tempelritter-Esoterik, mit der Kreuzzugs-Ideologie. Das richtet sich gegen den „Islam“, „die Ungläubigen“, die Feinde, „Asien“.

Das Christentum muss sich gegen solche «Retter» verwahren. Es gibt aber auch zu denken. Man kann etwas Bedrohtes auch über-behüten und so lange gegen jede Möglichkeit der Bedrohung schützen, bis es keine Lebenszeichen mehr von sich gibt. Gemeint sind Idealismus und Engagement, die zur Jugend gehören und die Anleitung brauchen, nicht Verbot.

Die offene Gesellschaft
In der Abwehr solcher Tendenzen wird meist die „Offene Gesellschaft“ hervorgehoben. Karl Raimund Popper, von dem der Begriff stammt, kam nach Krieg und Exil nach Europa zurück und brachte die Tradition der Westmächte mit. Es ging damals um die Abwehr der Gross-Ideologien des 20. Jahrhunderts: Kommunismus, Faschismus, National-Sozialismus. Popper verbindet es mit einer Erkenntnistheorie, wonach die Vernunft selber nicht zur Erkenntnis fähig ist, sie kann nur Hypothesen bilden. Durch Prüfung an der Erfahrung können diese falsifiziert werden.

Überschiessende Abwehr
Die Religions- (und Ideologie-) Kritik wird bei ihm gewissermassen Verfassungsrecht. Es wird zum vornherein ausgeschlossen, dass eine religiöse, kulturelle Idee die Öffentlichkeit gestalten könnte. Das ist durch seinen Falsifikationismus ausgeschlossen, oder besser durch die Schockerfahrung, durch seine Angst, seine Abwehr gegen alle Totalitarismen.

Weil „Ideen“ in der Vergangenheit totalitäre Auswirkungen zeigten, werden sie zum vornherein in einen privaten, nicht-öffentlichen Raum eingeschlossen. Von dort aus dürfen sie wohl auf den Markt der politischen Ideen eintreten. Aber es ist garantiert, dass keine allein die Herrschaft übernehmen kann. Es ist die Gewaltenteilung der englischen und amerikanischen Verfassungsgeschichte, die noch um eine Schraubendrehung radikalisiert wird.

Privatisierung der Religion
Das ist der Hintergrund der Rede von der „privat“ gewordenen Religion. Das ist nicht einfach eine Folge der Säkularisierung. Es ist eine gewollte Entscheidung. Es ist eine nach der Erfahrung des Totalitarismus radikalisierte Verfassungs-Interpretation, die als solche nie in den Verfassungstext eingeflossen ist. Darum haben es die Menschen vergessen, die jene Zeit nicht miterlebten. Aber sie wirkt noch nach im Verständnis der Verfassung, in den quasi-allergischen Reaktionen gegen jeden Versuch, grossmeisterlich den Geist der Zeit bestimmen zu wollen, gegen jeden Idealismus, der sich für eine Idee opfern will.

Man kann damit nicht mehr umgehen, sodass man Verständnis dafür aufbrächte. So könnte man anerkennen, dass es zur Entwicklung jedes jungen Menschen gehört, dass er ein Ziel sucht, das grösser ist als er selbst, für das er sein Leben hingeben kann, dem er sein Leben widmen kann. (Das heisst nicht, sein Leben zu opfern, hier muss man genau sein, gegen ein Missverständnis von Gewalttätern. Gemeint ist im Gegenteil der Wille, sein Leben in den Dienst von etwas Grösserem zu stellen und so teilzuhaben an Wert und Würde und Sinn.) Das ist auch eine Kritik gegen die Kirchen, weil diese nicht mehr aufzeigen können, wo Idealismus gelebt werden kann. Weiter gefasst, liegt es aber an dieser Konzeption der „offenen Gesellschaft“, die die Religion in einen privaten Raum einsperrt, in dem nie gesellschaftliche Bedeutung erlangt werden kann.

Idealismus unter Ideologieverdacht
Wer das „Grosse“ sucht, das ihn selber übersteigt, für das er sein Leben hingeben (und als Geschenk neu empfangen kann: jetzt aber mit Wert und Würde versehen und einem Sinn, den er in jedem Tun erleben kann, an jedem Tag, zu dem er aufsteht, in jedem Stück Arbeit, das er tut), der kann es nicht in der Religion finden, nicht in dieser Gesellschaft, die jeden Idealismus gleich unter Ideologieverdacht stellt.

Das Gute und Wahre und Schöne ist nach der impliziten Erkenntnistheorie dieser Gesellschaft gar nicht erkennbar. Es gibt nur den Relativismus von Wertvorstellungen, von denen keine je allgemeine Geltung erlangen kann. Der Skeptizismus ist Verfassungsgrundsatz. Es gibt keinen Weg zum „Wahr-Schön-Guten“, wie ihn unsere kulturelle Vergangenheit noch kannte. Als Trost gibt es den Konsum.

Das Gute, nicht die Güter
Für junge Menschen, die nach Wahrheit suchen, nach Redlichkeit, nach der grossen Aufgabe für ihr Leben, nach Aufopferung, ist das Zynismus. Es löst Übelkeit aus. Für Menschen, die die Unbedingtheit ihrer Jugendzeit aufgegeben haben, ist das wohl unverständlich. Sie finden diese Jungen „undankbar“, da sie doch im Wohlstand aufwachsen dürfen, während so viele andere auf der Welt Hunger leiden müssen.

Aber ein Jugendlicher will Wahrheit nicht Konsum, Opfer nicht Bequemlichkeit, das was alles übersteigt, nicht die Auswahl im Konsumtempel. Er will das Gute, nicht die Güter, das Schöne und Unbedingte, was einen Weg öffnet zum Absoluten. Er fühlt sich unverstanden, wenn man ihm Geld und Konsum anbietet. Er will das alles wegwerfen für das Grosse, das es wert ist, dass man sein Leben dafür hingibt. Nicht, dass er sterben wollte, und doch ist seine Gedankenwelt nahe an dieser Grenze. Das Ziel, das grösser ist als das Leben, das ist wie eine zweite Geburt. Er braucht das als Erwachsener, der das Leben selber in die Hand nehmen soll. Er braucht das Ziel, den Wert, die Würde. Er braucht den Sinn wie die Luft zum Atmen.

Ist «Westen» eine Kultur?
Wir wundern uns immer über die Vorwürfe, die andere Kulturen gegen uns „Westler“ erheben. Wir spüren gar nicht mehr was wir verloren und aufgegeben haben für unsere Alldominanz des Konsums. Aber wer diese Gesellschaft von aussen sieht, wie der Angehörige einer fremden Kultur, dem scheint das fremd. Einen solchen Blick auf die Kultur haben auch Jugendliche, die ins Erwachsenenalter kommen. Die Autonomie erwacht in ihnen. Sie fühlen sich aufgefordert, ihr Leben in die Hand zu nehmen und einen Platz zu finden im Konzert der vielen Stimmen, die in der Gesellschaft, in der Kultur, in der Arbeitswelt zu hören sind. Aber all das, was sie in sich selber finden: die unbedingte Forderung, der Orientierungspunkt, das Wahre, das Gute und das Schöne – ausserhalb finden sie nichts davon. So können sie sich nicht eingliedern.

Nur eine Wahl wird ihnen vorgeführt, die zwischen dazugehören oder aussen bleiben, zwischen oben oder unten. Wenn ich wählen muss zwischen reich und arm, dann möchte ich auch reich sein, einen Swimming-Pool haben, in die angesagten Städte fliegen. Dann will ich auch dazugehören zu denen, die Anerkennung finden. Dann will ich auch die Codes annehmen, die das signalisieren, mir die Statussymbole aneignen.

Gemeinschaft statt Radikalisierung
Wer da nicht mitmachen will, wird in eine existentielle Einsamkeit gezwungen. Er kann religiös werden, aber dann wird er ein Sonderling, weil Religion in dieser Gesellschaft definitionsgemäss etwas für Sonderlinge ist. Er kann politisch werden, aber die Parteien tanzen alle ums Goldene Kalb. Oder er kann radikal werden. Dann Gnade uns Gott. Denn für radikale Aufbrüche von Jugendlichen hat die „offene Gesellschaft“ keine positiven Leitbilder.

 

Foto Pew Nguyen, Pexels

Aus Notizen 2011

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