Fest des Lebens
Gestern habe ich meinen Bruder besucht. Ich mag nicht weiterarbeiten an all den angefangenen Geschäften. Ich möchte stillhalten, mir etwas vornehmen, das meiner Situation entspricht. Ich werde selber älter. Und das Leben meines Bruders geht auf das Sterben zu.
Ich war mit dem Fahrrad draussen. Die Hitzewelle ist vorbei (sie hat den bisherigen Rekord von 2003 entthront), eine Kältewelle ist eingezogen, als ob sie korrigieren wollte. Heute ist wieder mal klares Wetter, die Wolken sind vorbei, das düstere Licht hat Platz gemacht.
Oktoberlicht
Es ist wie Einkehren in etwas Bekanntes, als ob ich einfach anschliessen könnte an so viel andere Oktobermonate, wo ich das schon kennengelernt habe, dieses ruhige, klare Licht, das die Dinge deutlich und warm hervortreten lässt. Es ist wie sich Einfinden an einem Ort und Weitergehen.
Der alte Mann fällt mir ein, ich sah ihn auf dem Weg, er hat sein Fahrrad abgestellt, sitzt auf einer Bank und schaut still vor sich hin. Hat er Ohrstöpsel eingelegt, hört er Musik oder einen Text? Er ist ganz ruhig, er erinnert mich an diesen Moment, wenn die Erwartung in Betrachtung übergeht, wenn die Hände stille bleiben und alles Auge oder Ohr geworden ist.
Etwa 30 Kinder auf einem Schulausflug fahren an ihm vorbei. Sie lachen und lärmen, er ist unberührt. Der Blick geht auf etwas anderes. Er hört, als ob er ein Ohr im Innern hätte. Die Betrachtung kennt das Äussere, was sich im Licht des Oktobernachmittags hell und freundlich abzeichnet. Sie kennt auch das Innere, die Ruhe, die sich ausbreitet. Sie ist nicht leer.
Als ob er schon angekommen wäre
Wer so dasitzt und schaut, als ob er in die Ferne sähe, als ob er in die Zukunft schaute, als ob er schon angekommen wäre auf seinem Weg und nur noch Betrachtung wäre, wer so dasitzt, kennt das Gefühl, etwas anzuschauen, auch wenn der Blick blind nach innen zu gehen scheint. Da ist etwas Kostbares, nach den höchsten Begriffen, es geht nicht um ein Gefühl. Es liegt ausserhalb. Warum sonst hätte er diesen Weg gemacht?
Es ist, als ob sich etwas offenbarte, was sonst verborgen wäre. Nicht etwas Rätselhaftes, aber doch selten und nur zu sehen an solchen Oktobernachmittagen, die anschliessen an andere Oktobernachmittage und eine Kette bilden durch ein ganzes Leben. Da lag es vor einem, und es lag klar und warm vor Augen. Als ob man angekommen wäre: und da ist es jetzt!
Es ist das, was das Messegebet vor Augen stellt, wenn Maria und Josef und die Apostel und alle Heiligen zu Tisch sitzen am Ende der Zeit, und alles ist Ankommen, Gegenwart. Das Höchste ist erreicht, Platon spricht vom Wahren und Schönen. In diesem Gebet ist es die Heilige Familie, ein Zusammensein, ein Leben in Frieden und Erfüllung. Das Fest des Lebens.
Foto: Martin Auge, Pexels
Lesen Sie «Zur Erinnerung an die Verstorbenen»
Zum Feiertag Allerseelen (katholisch, 2. November),
zum Toten- oder Ewigkeits-Sonntag (protestantisch, letzter Sonntag vor Advent)








