Das hässliche Amerika
Jahrzehntelang war es ein Leuchtturm der Zivilisation. Nicht nur ein Kontinent wurde hier erobert, mit scheinbar unendlichen Reichtümern an Land und Menschen. Es war eine Formel für Meinungsfreiheit und für freie Ausübung der Religion. In der Freiheitsstatue von New York, die viele Einwanderer und Freiheitssuchende aus der ganzen Welt bei der Ankunft im Hafen begrüsste, ist es zu einem Symbol geworden: das freie Amerika, das leuchtende Amerika, «God’s own Country», wie die Pilgerväter einst dachten. Doch wie anders ist das Gesicht, das es der Welt heute zeigt!
Und so wird es nicht nur von aussen wahrgenommen. Auch im Lande selbst ist der Glanz verblasst. Die Reden von Präsident Trump machen aufmerksam auf ein Lebensgefühl, eine Überzeugung, an Anziehung verloren zu haben, als ob das Land hässlich geworden wäre – in Entsprechung zur «Maga»-Predigt, die dem «grossartigen Land» eine neue Zukunft verspricht. «Make America Great Again!» ist darum sein Wahlspruch.
«Der amerikanische Traum ist zerrissen»
«Heute ist der Tag der Befreiung», verkündete Trump in einer Rede. Die USA seien jahrhundertelang ausgeplündert, ausgeraubt, geschändet und ausgebeutet worden. «Amerikanische Stahlarbeiter, Autoarbeiter, Landwirte und ausgebildete Handwerker haben wirklich schwer gelitten. Sie mussten mit ansehen, wie ausländische Staatschefs unsere Arbeitsplätze gestohlen, wie ausländische Betrüger unsere Fabriken geplündert und ausländische Aasfresser unseren einst so schönen amerikanischen Traum zerrissen haben.» (NZZ 2. 4. 2026)
Der Groll als Kapital
Weltwirtschaftliche Entwicklungen wie Globalisierung und Deindustrialisierung werden als Raub dargestellt, die Schuld dafür nach aussen abgeschoben. So kann die Verantwortung zurückgewiesen werden, das Gefühl des Verlustes aber ist ein Kapital, auf dem sich aufbauen lässt. Trump verkündete einen «Liberation Day», ein Programm zur Widerherstellung der wirtschaftlichen Unabhängigkeit in Anlehnung an die amerikanische Unabhängigkeits-Erklärung, als sich die Kolonien von der englischen Herrschaft lossagten. Seine Politik, so analysiert die NZZ, beruhe darauf, den in der amerikanischen Bevölkerung herrschenden Groll zu bewirtschaften.
Die USA scheinen also auch in der Innensicht hässlich geworden zu sein. Die Rede vom «hässlichen Amerika» bezieht sich ursprünglich aber auf das Bild, das die USA in der Aussenpolitik abgeben. Ich erinnere mich an die 70er Jahre, als die USA gegen Vietnam Krieg führten, als das Bild des napalmverbrannten Kindes um die Welt ging, als die USA schliesslich ohne Sieg abziehen mussten. Damals gab es gefühlt jedes Wochenende eine Demonstration gegen die Vietnamkrieg. In Zürich wurde gar ein Denkmal errichtet.
Die Retter von einst
Die USA hatten den Glanz der Nachkriegszeit völlig eingebüsst. Damals wurden sie als Retter begrüsst, die Europa von der Diktatur der Nazis befreiten. Als die Sowjets Berlin aushungern wollten, schickten sie «Rosinenbomber» und errichteten eine Luftbrücke. «Der Ami» war damals der gute Mensch, er verteilte «Chewing Gum» an die Kinder und brachte Nylons für die Frauen. Der Jazz eroberte die Musik. Der amerikanische Lebensstil mit Konsum und Lässigkeit eroberte die ganze Welt.
Das ging im Vietnamkrieg verloren, es kam hervor ein hässliches Amerika, von dem man sich abwandte. Man identifizierte sich mit den Befreiungsbewegungen, mit Ho Chi Minh in Vietnam, mit Mao in China und las ihre Werke. Die ganze West-Orientierung geriet in eine Krise und das Dreier-Portrait von Marx-Engels-Lenin war überall zu sehen.
Ein Topf, der überkochen muss
Diese Zeit des hässlichen Amerika taucht wieder auf in der Erinnerung. Die USA tragen heute schwierige Entwicklungen mit, in der Wirtschaft und in der Gesellschaft, wie andere Länder auch, die aber nicht feindliche Drahtzieher dafür verantwortlich machen. Für den Beobachter scheint es, Präsident Trump beginne Kriege ohne Not. Aber vielleicht kann man keine Friedenspolitik machen, wenn das Kapital, das man politisch verwertet, in Groll besteht. Dann muss man immer neuen Groll schüren – bis es überkocht.
Foto Helena Jankovičová Kováčová, Pexels
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