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Inhaltsverzeichnis

Wie es begann. 1

Archäologie. 2

Die versunkene Kathedrale. 3

Religion als Kultivieren urwüchsiger Impulse. 4

Die Mitte. Der Berg. Die Quelle. 5

Der Weg – ein Glaubenstext 5

Glauben vor dem Glauben. 6

 

Wie es begann

Die Frage nach Religion und Glauben kehrte Mitte 30 in mein Leben zurück. Bisher hatte ich mich für ungläubig gehalten. Jetzt ertappte ich mich beim Beten: Ich betete für meine Frau, die beruflich viel mit dem Auto unterwegs war. – Wie konnte ich beten, wenn ich nicht an Gott glaubte?! – Und wenn da etwas in mir war, das glaubte, wie konnte ich das nicht zur Kenntnis nehmen? So kehrte die Frage nach Gott in mein Leben zurück. Und ich begriff: Es war jetzt keine philosophische Frage mehr wie mit 15. Es war eine Frage des Vertrauens. Glaube, so lernte ich später, wird im Neuen Testament mit „pistis“ bezeichnet. Das meint wörtlich eine Vertrauens-Haltung.

Wie stehe ich am Morgen auf?
Die Frage der Religion, die erst nur am Rande aufgetaucht war, rückte immer mehr ins Zentrum. Bald ging es nicht nur darum, ob ich an einen Gott glaube. Es ging auch darum, wie ich am Morgen aufstehe, welche Haltung sich in mir breit macht, bevor ich auch nur einen ersten Gedanken gefasst habe. Ich war kein unbeschriebenes Blatt; bevor ich selber mein Leben zu buchstabieren begann, waren gewisse Texte da schon eingetragen. Ich war nicht frei zu gehen, wohin ich wollte.

Im Rückblick sah ich, dass ich immer wieder durch dieselben Pfade stolperte und immer wieder in dieselben Löcher fiel. Ich war nicht frei in meinem Verhalten. Da gab es Mechanismen, die sich schon einklinkten und die Regie übernahmen, bevor ich mich auch nur gefragt hatte, was ich denn eigentlich tun wollte. Ich folgte vorgegebenen Ablaufsmustern, die schon meine Wahrnehmung steuerten. Und das hatte zu tun mit Angst, Sicherheitsbedürfnis und Vertrauen.

Eine Frage von Liebe und Arbeit
An diesem Punkt spürte ich: Die Frage nach dem Glauben, das ist für mich nichts Äusserliches. Da geht es nicht nur um den Hut, den ich heute trage, sondern um den ganzen Anzug und auch um das, was drin steckt. Denn ob ich vertrauen kann oder nicht – das ist auch die Frage, die mich in meinen Beziehungen beschäftigt und in meinem Verhalten am Arbeitsplatz. Im „Glauben“ wurde diese Frage nur in reiner Form gestellt. Aber es waren dieselben Themen, die mich jeden Tag beschäftigten.

 

Archäologie

Glauben und Religion hatte ich früher weit von mir weggeschoben. Jetzt durchfuhr es mich: „Das bin ja ich!“ Und von diesem Moment an war der „Glaube“ im Zentrum von all dem angelangt, was mich beschäftigte im Leben. Es war eine neue Formulierung für all die Fragen, die mich seit jeher umgetrieben hatten. Sie erschienen im Gewand eines uralten Wortes, das wie ein Relikt einer alten Kultur aus dem Wüstensand aufragt und von Archäologen ausgegraben wird. Und ich konnte ihm einen Sinn abgewinnen. Ich war neugierig, wie denn die alten Antworten auf meine Fragen passen würden. Dem wollte ich nachgehen.

Nina-Nina
Eine meiner ältesten Erinnerungen ist das „Nina-Nina-Machen“. So nannte es meine Mutter. Offenbar wälzte ich mich als kleines Kind im Bett hin und her, wenn ich aufwachte und mich alleine fand. Die Mutter war in jener Zeit viel im Geschäft. „Machst Du Nina-Nina?“ fragte sie mich, wenn sie kam. Und dann war alles wieder gut. Meine Mutter war da. Und das, was gewesen war, hatte einen Namen bekommen.

Später im Leben erinnerte ich mich daran. Ich wiegte mich nicht mehr im Bett, aber das Gefühl kam mir bekannt vor: dass ich den Kontakt zu mir selber verloren hatte, dass ich wie aus meinem Körper gefallen war. Es war ein Stück von Ekstase. Die wiederum hatte ihre eigene Schönheit. Es war ein wie ein anderer Bewusstseins-Zustand. Mal konnte ich von oben auf mich heruntersehen, wie ich als Kind am Tisch sass und Schul-Aufgaben machte. Mal floh ich in diesen Zustand, wenn ich es im gewöhnlichen Leben nicht mehr aushielt. Ich floh in das Grenzgebiet, befahl meinen Räubern und war dort König.

Schönheit
Es war reine Schönheit. Glück ist etwas für das normale Leben, das stellt sich ein, wenn Wünsche sich erfüllen. Schönheit ist anders. Das denkende und wollende „Ich“, das im Streben nach Glück ganz lebendig wird, löst sich hier auf. Es geht über ins „andere“. Es verschmilzt mit dem Betrachteten. Und alles ist „schön“. Die Dinge verlieren ihre Preisschilder, die sie für das handelnde Bewusstsein haben, da gibt es kein gut und kein schlecht mehr, kein höher und tiefer. Da ist nichts Hässliches mehr. Gerade in den hässlichsten Ecken, wo das Verlassenheitsgefühl am grössten ist, ist es am schönsten. Man muss nur durch das Tor gehen.

Damals hat mich die Schönheit überfallen. Es war der halb-krankhafte Eskapismus eines Kindes, das nie ganz im Körper Platz genommen hat. Es war ein „Aus sich hinausfallen“, aber auch ein Hineingehen in ein Reich der Schönheit. Doch ich verbot es mir, immer wieder, definitiv im Alter um die 25. Ich legte die Gedichte beiseite, die ich geschrieben hatte. Ich verpflichtete mich auf einen Weg „unten“ auf dem Boden. Ich misstraute mir und allem, was ich liebte und was ich gut kannte. So wollte immer auf das zugehen, was mir nicht lag. Ich wollte mir immer das auferlegen, was ich von mir aus nie gesucht hätte. Weil ich spürte, dass der Weg da hindurch führen musste.

 

Die versunkene Kathedrale

Die Erinnerungen sind undeutlich. Es ist, als ob man durch das Wasser hinabsehen wollte auf den Grund. Von hinten her betrachtet, von dem her, was ich später gelernt habe im Leben, waren das Anfänge von Religion. Aber es war urwüchsig, ohne Gestaltung. Es kam ohne dass man es gerufen hatte. Es ergriff einen und trug einen fort.

Verfallene Ruinen! Sollte da ein Schatz verborgen sein? Auf dem Meeresgrund sind Rundbogen zu sehen – sollten sie zu jener Kathedralen gehören, die nach einer Sage auf dem Grund zu sehen ist, die Kirche einer versunkenen Stadt?

Kann es einen Sinn haben, dass Kinder aus sich selbst herausfallen zu unfreiwilligen „Seelenreisen“?

Kommt dieses Abdriften in die Kontemplation naturwüchsig und wie ein Überfall über die Menschen, oder lässt es sich kultivieren? Gibt es einen erlaubten Umgang damit, der den einzelnen nicht schädigt und die Gemeinschaft fördert?

Das Heben versunkener Schätze
Lassen sich diese Erlebnisse des Kleinkindes reinigen und pflegen? Gibt es aus dem Hinausfallen eine Wiederkehr? – Viele Fragen stellen sich. Es ist die Frage nach einer möglichen Religion.

Kann das Kind eine Mitte finden? Muss der Rausch der Ekstase verboten bleiben oder hat das Schöne ein Heimatrecht in einem recht geführten Leben? Gibt es aus der Flucht eine instruierte Wiederkehr? Ist Ekstase nur Rausch, oder hat sie eine Botschaft? Im Symptom steckt eine ganze Welt mit Himmel und Hölle. Aber lässt sich das mit andern teilen? Ist das ein Weg zum Glauben?

Jähzorn
Leichter zu erkennen sind versunkene Güter, wenn sie sich ins Gegenteil verkehrt haben. So ist es beim Fluchen und beim Jähzorn.

Jähzorn ist ein Schicksal, das durch Familiengeschichten geht wie Trinken oder „ins Wasser gehen“ (wie man früher sagte). Wer davon betroffen ist, sucht Hilfe nicht nur für sich. Er kann es wie einen „Auftrag der Ahnen“ empfinden: dass das endlich zu Ende geht und nicht mehr an die nächste Generation weitergegeben werden muss.

Jähzorn gehörte auch zu unserer Familie. Er war ein Muster, das wir gelernt hatten. Wenn etwas uns sehr beschäftigte, konnten wir nicht einfach davon reden, als ob wir ein Recht hätten, eine Meinung zu äussern oder Forderungen zu stellen. Aber wenn wir uns künstlich zornig machten, wenn wir uns innerlich hochschaukelten, dann konnten wir es zornig in den Raum werfen und Türe knallend hinausgehen. Jetzt hatten wir es gesagt! Jetzt sollten sie schauen! In dieser Form war es ein hilfreiches Muster.

Es gab aber auch den Jähzorn, der alle Rücksicht auffrass und bei dem man sich selber vergass. Diese Bilder haben sich in die Erinnerung eingegraben. Wenn ein Jähzorniger in der Wut einen Gegenstand zertrümmerte und scheinbar keine Grenzen mehr kannte – dann lernte man als Kind den Atem anhalten, sich tot stellen, sich verbergen und hoffen, dass der Blick an einem vorbei gehe. Gesehen zu werden hiess, Zielscheibe zu werden. So legte sich schon das Kind eine Tarnkappe zu und lernte, den Körper still zu stellen.

Fluchen
Der Jähzorn sieht mächtig aus und macht Kindern Angst. Gleichzeitig vermittelt er die Botschaft von grosser Ohnmacht. Und die Wut richtet sich gegen sich selber. Das ist vielleicht auch die geheime Befriedigung bei einem solchen Anfall: dass man gegen sich selber wüten kann, dass man das, was man am meisten liebt, vernichtet, weil man selber ja gar nichts wert ist. Man vernichtet es und heult dabei vor Kummer und Verzweiflung.

Bei solchen Zornattacken war auch das Fluchen nicht weit. „Gott …“ schrie ich als Kind und wünschte, dass Gott mich verdammen möge. Auch das ist ein Fund aus der Tiefe. Sollte das aus jener Kirche stammen? Was ist das ursprüngliche Bild, das sich so entstellt hat? Und lässt es sich wiederherstellen? Wie erlöst man ein Leben, das sich selber verflucht?

 

Religion als Kultivieren urwüchsiger Impulse

Aus sich herausfallen, Ekstase, die Flucht in Schönheit – was mir klar geworden ist über diese vorsprachlichen Lebensdeutungen: „Religion“ werden sie erst, wenn sie kultiviert werden. Dann können sie ihre Wildheit abstossen, ihre Brutalität und das traumatisierende Beiwerk und Blendwerk, das immer wie ein Theater abläuft, wenn ein Flashback erfolgt, wenn die alten Verletzungen wieder auftauchen und die alten hilflosen Abwehr-Versuche einer frühkindlichen Magie.

Als Kind schon habe ich gelernt, „aus dem Körper zu fliehen“. Hier wird das Schöne missbraucht. Kontemplation geschieht naturwüchsig, wie ein Angstabwehr-Mechanismus. Eine ähnliche Funktion haben Suizid-Gedanken, die eine letzte Ausweich-Möglichkeit vorgaukeln. Sie verhindern aber eine wirklich „Einwohnung“ ins Leben.

Religion so scheint es, hat einen bewussten Umgang mit diesen Dingen entwickelt, die bei mir unwillkürlich durchbrechen. Ist da ein Weg, auch diese im Körper verankerten Verhaltensweisen aufzubrechen?

Religion gibt Meditation – statt wilder Kontemplation, Begeisterung – statt wilder Ekstase. In ihr lebt die Sehnsucht nach „Mehr“ in den religiösen Bildern einer langen Tradition – statt in privaten Suchtwegen.

Sie kennt diese Erfahrungen: wie ich an einem „Ganzen“ teilhabe, wie ich mich in die „Mitte“ stellen kann, wie ich Freude erfahre im Gebet – statt diesem reaktiven Aus-der-Welt-Gleiten und Hinüber-Träumen.

 

Die Mitte. Der Berg. Die Quelle

Ich erinnere mich an ein Bild, das ich als kleiner Junge gemalt habe. Damals, ich weiss nicht, wie alt ich war, habe ich mir unter der Treppe, in jener vergessenen Besenkammer, einen Raum eingerichtet, wo ich malte, bastelte, schnitzte. Es war ein Refugium, herausgelöst aus dem Alltag.

Ich musste nur die Tür aufmachen und war in einem andern Land. Im Dunkel dieser Kammer – sie hatte nur ein kleines Licht – stiegen aus dem Dunkel der Ahnungen Bilder auf, Visionen, wo sich mein Leben verdichtete, wo meine Zukunft Bild-Form annahm, meine Herkunft mich begleitete wie ein Segen aus dem Ursprung, der in seinem Werk präsent ist, der mitläuft auf seinem Weg.

Auf dem Bild – ich habe es Jahre später gefunden und eine Kopie gemacht – sieht man ein Heerlager, viele Zelte im Kreis, in der Mitte ein Berg und darauf eine Burg. Der Berg ist gespalten, aus der Spalte fliesst ein Bach. Er gibt das Wasser für das Lager. Aus der Quelle fliesst es bis zu uns.

 

Der Weg – ein Glaubenstext

Von Gott her kommt uns jemand entgegen: Jesus Christus.
Im Gebet ist er wie ein „Du“, wir können mit ihm sprechen, jeden Tag:
am Morgen vor dem Aufstehen, am Abend, wenn wir den Tag abschliessen. Er ist da, er begleitet uns, ist mit uns auf dem Weg.
Und er geht uns voraus, er weiss den Weg und hilft uns.

So ist der Weg der Christen ein Nachfolgen. Nachfolgen ist eine besondere Art des Gehens. Es gleicht dem Wandern in den Bergen.
Wer Christus nachfolgt, der macht eigene Schritte, er geht seinen Lebensweg. Und doch kommt er dabei zu einem Ziel, das er aus eigener Kraft nie erreichen könnte. Denn Einer ist vorausgegangen, er hat den Weg gebahnt, er hat einen Weg aufgemacht, wo vorher keiner war.

Wer den Fuss in seine Spur legt und ihm nachfolgt, erreicht das Ziel.
Er geht aus eigener Kraft, und es ist doch nicht sein Verdienst: Es ist Gnade. Denn die Vollendung des Lebens ist das Werk Gottes, so wie der Ursprung des Lebens seine Tat ist. Das macht nicht der Mensch.

Auf seinem Weg finden wir ans Ziel.
Das Ziel unseres Lebens, das müssen wir nicht machen.
Das steht vor uns, wie der Berg am Horizont.
Mächtig steht er da, er verbindet Himmel und Erde.
Dort geht unser Weg.

Es ist ein Bild, es hilft davon reden: ein Bild, wie der Weg zum Himmel führt. Himmel – das ist dort, wo Gott sein Reich aufrichtet, wo es nach seinem Willen geht:
Die Menschen leben in Gerechtigkeit und Frieden.
Ohne Gerechtigkeit und Frieden können wir uns keine lebenswerte Welt vorstellen. Es ist notwendig, damit wir leben und gesund bleiben können.

Immer wieder erleben wir ein Stück dieses Himmels hier auf der Erde,
Immer wieder erleben wir ein Stück der Vollkommenheit.
Aber herstellen können wir es nicht. Wir sind auf dem Weg dazu.
Und der Weg gelingt uns nur, wenn wir jetzt schon von dem leben, was wir anstreben, wenn wir jetzt schon ein Stück von Gerechtigkeit und Frieden erfahren.

Das ist der Glaube. Er ist ein Stück vom Ziel, während wir noch auf dem Weg sind.
Wer glaubt ist wie ein Wanderer in der Natur.
Vor sich sieht er den Berg, er macht ihn nicht, er steht da, mächtig und wunderbar, wie eine Achse im Kosmos.
Wenn der Wanderer sich auf den Weg macht, tritt er in diese Landschaft ein.

Wer sich den Berg zum Ziel nimmt, der ist schon mit dem ersten Schritt in der Landschaft, die zu diesem Berg gehört:
Er lässt die Häuser und Strassen hinter sich, den Lärm
Er tritt in die Stille ein, Vögel singen, Blumen blühen am Weg.
Wer Augen hat dafür, der sieht das Grosse auch im Kleinen.
Er freute sich am Kleinsten. Es ist ja nicht klein.
Es ist von derselben Art wie der Berg, der da vorne in den Himmel ragt. Und vom Berg her kommt uns der Fluss entgegen.

Erst ist es nur eine Quelle, dann wird sie grösser. Sie bringt das Wasser bis zu uns, die wir noch auf dem Weg sind.
So können wir jetzt schon unseren Durst stillen, an dieser Quelle, auch wenn wir noch unterwegs sind.
Im Gebet, im Glauben, erfahren wir immer neue Kraft.
Wir können uns anschliessen an der Quelle.

So gehen wir unsern Weg.

 

Glauben vor dem Glauben

Glaube ist manchmal unter seinem Gegenteil verborgen. Manchmal wächst er aus kleinen Anfängen. Manchmal scheint er aus nichts zu entstehen.

Ein Mensch, nach seinem Glauben gefragt, erzählt vielleicht von einem Erlebnis aus der Zeit, bevor er den Glauben fand. Und es gehört für ihn zur Glaubensgeschichte. Aber es ist nicht mitteilbar. Der andere, der es hört, findet dadurch keinen Weg zu Gott. Da ist eine Leerstelle, die der Gläubige leicht füllen kann: für ihn ist es Gott, der hier eingegriffen hat. Dem Ungläubigen wird es unbehaglich. Denn er findet nichts in sich, dass er ein solches Wort nachsprechen könnte.

Es gibt eine seltsame Stelle im Brief des Apostels Paulus an die Römer. „Gott kommt unserer Schwachheit zu Hilfe. Wir wissen oft nicht wie wir beten sollen, aber der Geist selber tritt für uns ein mit unaussprechlichen Seufzern.“ (Römer 8, 27)

Da tritt Gott an die Stelle des Menschen und nimmt ihm sogar das Beten ab. Der Mensch, der Gott nicht kennt, kann ihn nicht anrufen. So tritt Gott an seine Stelle und betet für ihn und erfüllt ihm auch gleich seine Bitte.

Verdrehte Logik! Und doch wird die Stelle gern zitiert, weil sie eine Erfahrung trifft, die viele Gläubige gemacht haben. Wie soll man auch vom Glauben erzählen, den man hatte, bevor man ihn hatte – nach welcher Logik? Da ist Gott zuerst. Und er leiht dem Sprachlosen seine Sprache, er sieht, was er braucht und nicht sagen kann, weil er in seinem Leid versunken ist. Und er befreit ihn daraus – und erst mit vielen Jahren Abstand tritt dieses Ereignis im Bewusstsein hervor. Es nimmt einen wichtigen Platz ein.

Und gefragt, was denn das wichtigste war in seinem Glaubensleben, sagt der Gläubige vielleicht: Das war damals, als ich mich von Gott und Mensch verlassen fühlte. Ich habe nicht mal gebetet, denn ich kannte Gott nicht. Aber er hat mich gerettet und hat mir das Schönste geschenkt in meinem Leben, für das ich ihm noch heute jeden Tag danke.

Es war keine Quelle zum Glauben, es war kein Grund, um gläubig zu werden. Denn damals wusste er ja nichts davon. Aber später war das Erlebnis eine Quelle von täglichen Dankgebeten. Und so war es vielleicht doch eine Quelle des Glaubens, wenn auch noch versteckt unter dem Gegenteil. Die Freude war noch verborgen im Leiden und der Dank in der Not, die nicht zu bitten weiss.

Manche Menschen halten die Not für die Ursache des Glaubens, sagt Friedrich Hölderlin. Aber die Quelle des Glaubens liege in der Dankbarkeit.
So wäre Danken der Anfang des Glaubens.
Das Danken mag später kommen als der Glaube, aber es ist doch sein Anfang.

 

Foto: gildo cancelli, pexels

Heute Abend kommen die Kinder. Dann werden wir zusammen um den Tisch sitzen wie früher. Aber es ist jetzt nicht diese Stimmung des Aufgehobenseins von früher. Ich bin ein alter Mann geworden, die Kinder schon lange ausgezogen. Die Zeit läuft aus. Sie steigt nicht mehr auf zu neuen Aufbrüchen und Aufgaben. Alles ist in Elegie getaucht. Weiterlesen

Das Schöne, was wir im Leben erfahren, hilft mit, uns im Leben zu verankern. Jede gute Erfahrung sagt, dass wir willkommen sind auf dieser Welt. Jedes gute Gespräch lässt uns erleben, dass wir uns verständigen können und nicht allein sind. Und es sind viele gute Erfahrungen im Lauf eines Lebens, die sich schliesslich zu einer Art Grundvertrauen verdichteten. Und dieses sagt, dass wir in dieser Welt gehalten und geborgen sind. Weiterlesen

Eintreten
in die Mitte
in die Stille
in die Gegenwart
im Einklang sein Weiterlesen

„Wie finde ich eine Glaubenssprache, die der Katastrophe in Tschernobyl gewachsen ist?“ Das war die Frage meiner Schlussarbeit nach dem Theologie-Studium 1992. Anfangs des Millenniums kamen viele verstörende Erlebnisse dazu: der Anschlag von Nine-Eleven, der Amok-Lauf im Zuger Parlament, das Grounding der Swissair, die Klima-Veränderung… Für mich war es auch privat eine schwierige Zeit. Das löste bei mir eine Suchbewegung aus, die sich vielleicht in die Frage kleiden liesse: Wie kann ich in all diesen Infragestellungen vertrauen, von Gott gehalten zu sein? Wie kann ich unsere Kinder in diese Zukunft hineingehen lassen, die so verstellt scheint? Weiterlesen

Aufbruch

Mach dich auf den Weg.
Such deine Ängste auf, dass sie dir nicht weiter in den Rücken fallen.
Schau dem ins Gesicht, was dir im Nacken sitzt. Und mach dich gefasst: Auch das Allerschlimmste, was du dir gar nicht vorstellen kannst, das „Loch“, das alles verschlingt, wo das Denken aufhört und die Panik anfängt – es sieht bei jedem anders aus – auch das wird dir begegnen.

Aber dort im Grenzgebiet, wo du die Kontrolle aufgibst, dort am Fluss, wo du spürst, dass du nur auf die andere Seite kommst, wenn du dich anvertraust, dort wird dir das begegnen, was du brauchst.

Und diese Zuversicht kannst du wie einen Segen mitnehmen, wenn du dich auf diesen Weg machst: „Ich finde, was ich brauche.“

Trauma und Passion

Trauma – das ist heute ein Grossthema. Die „posttraumatische Belastungsstörung“ PTBS beschreibt, was manche Menschen erleben, die eine angstbesetzte Verletzung erlitten haben. Ausgehend von der therapeutischen Arbeit mit Vietnamkriegs-Veteranen wurde das Konzept später auf andere psychische Schädigungen ausgeweitet. In den Medien gibt es heute einen wahren Boom von Trauma-Berichten und entsprechenden Hilfsangeboten. Zu einem Grossthema wurde das Trauma aber auch, weil die Zahl der Konflikte in der Welt zugenommen hat und weil der Ausblick mit den Spannungen zwischen den Machtblöcken und der Klimakrise nicht friedvoller erscheint.

Wer sich mit der Bibel beschäftigt und mit dem frühen Christentum, der wird Elemente des traumatischen Erlebens auch dort finden. Auch in der Antike gab es Krieg und Gewalt. „Passion“ ist zu einem Begriff der Spiritualität geworden. Der Gewalt-Charakter der damaligen Ereignisse ist fast vergessen worden. Wer aber die „Passion“ intensiv meditiert, stösst auf solche Zusammenhänge.

Ich habe als Pfarrer viele Jahre lang Karwochen-Andachten gehalten. Eine Gruppe von Menschen meditiert eine Woche lang die biblischen Ereignisse und verschränkt sie mit den eigenen biographischen Erlebnissen.

Über all die Jahre ist es mir plausibel geworden, dass „Trauma“ nicht nur eine Kategorie ist, um heutige psychische Abläufe zu verstehen, sondern auch, um Teile der Bibel besser zu verstehen.

Auch die Menschen der „Jesus-Bewegung“ haben eine grosse Verletzung erfahren. Auch die Früh-Kirche ist geprägt von Gewalt und Verfolgung. Auch sie kann verstanden werden als eine Gemeinschaft, die sich um ein Trauma schart, wo all die Prozesse ablaufen, die aus solchen Gemeinschaften bekannt sind: reaktiver Rückzug, Angst und Angstabwehr, ein Hinausgestossen-Werden aus einer Rationalität des Alltags in einen Zustand, in dem archetypische Bilder und atavistische Verhaltensweisen wiederbelebt werden, wie Totstellen, Atem anhalten, sich klein und unsichtbar machen (wollen)…

Ein kollektives Trauma, das Identität stiftet

Bei diesem Verständnis helfen mir historische Parallelen:

Marie-Janine Calic berichtet (in der NZZ vom 10. August 2018) über die Situation auf dem Balkan. „Überall in der Region wird Religion vermehrt als Identitätsmarker und Ausschlusskriterium benutzt. Srebrenica – der erste völkerrechtlich anerkannte Genozid auf europäischem Boden nach 1945 – wird als kollektives Trauma einer ganzen Nation verhandelt, das Identität stiftet. Dabei spielt nur noch eine ungeordnete Rolle, was dort genau stattgefunden hat und warum. Entscheidend ist, dass dieses Ereignis als Ursprungserzählung der bosnischen Nation erzählt und erinnert wird, und diese wird exklusiv als muslimisch definiert.“

Das ist interessant für die Bedeutung des Traumas und des „Trauma-Managements“ in der frühen Kirche. Es ist eine Analogie – so wie all die traumatischen Erfahrungen es sind, die es auch heute gibt, unabhängig von der grossen Geschichte.

Sie erzeugen eine Gleichgestimmtheit von Erlebnissen und Erfahrungen. Wer diesen Weg geht, kennt die „oberen“ und „unteren“ Wege, die Bilder der Psyche, die Trampelpfade des Überlebens. Er versteht die mythologischen Bilder samt Höllen- und Himmelfahrt, in denen die frühe Kirche spricht. Er versteht die Werte, die auf den Kopf gestellt sind (die Letzten werden die Ersten sein). Er versteht die Freude am Allerkleinsten, in dem sich das Allergrösste spiegelt. Er versteht das Wunder, das sich in der Stille ereignet, weil das Menschliche sich hier ausgetobt hat wie in den Gewaltorgien von Srebrenica. Und auf den Gräbern ist etwas anderes spürbar, was nicht von Menschen kommt.

Eine Sprache für Passion und Ostern

In Kreuzigung und Verfolgung ist die „Jesus-Gemeinde“ durch ein gemeinsames Trauma hindurchgegangen. Das bindet sie zusammen wie auch alle, die später so etwas erleben. Das gibt ihnen eine Sprache, die jeder versteht, der so etwas erlebt hat, und die niemand versteht, der es nicht erlebte.

Das Trauma ist eine gemeinsame Grundlage für das Verstehen und für das Zusammengehörigkeits-Gefühl über den Tod hinaus. Das Kreuz sei das Symbol der Urkirche, wurde gesagt. An diesem Zeichen erkannten sich die Zugehörigen und sie wurden von Aussenstehenden erkannt. Nicht weil es zwei Striche sind, die ein Kreuz bilden, sondern weil es eine Welt von Bedeutungen und Gefühlen ist, eine Erfahrung von Demütigung und Sterben, ein Gewahrwerden der innersten Gewissheiten, ein Aufblitzen von Freude. Ein Wiederfinden von Schönheit und Wahrheit. Ein neues Leben und eine neue Welt.

Der „innere Altar“

Aufschlussreich ist auch der Roman „Vier Bücher“ von Yan Lianke. Er schildert die grosse Hungersnot 1958 – 62 bei dem „grossen Sprung nach vorn“, den Mao Tse Tung damals befohlen hat, um den Westen in der Entwicklung einzuholen.

„Yan Lianke hat als Realist begonnen, vom Realismus hat er sich längst abgewandt. Damit kommt man der chinesischen Realität nicht bei, meint er. Deshalb wird sie in seinem neuen Roman fragmentiert und zerlegt.“ So heisst es in einer Besprechung des „Tages-Anzeigers“ vom 6. Januar 2018.

Hier zeigt sich der Wandel der Erlebnis- und Erzählweise bei der Verdichtung des Leidens, bis „magische“ und mythologische Bilder auftauchen, die allein imstande sind, die Intensität der Gefühle aufzunehmen (Wüste, Wasser, Höllenfahrt…) und den Betroffenen durch diese Erfahrungen zu geleiten.

Interessant ist auch der Punkt, wo der Autor daran ist, alles zu verraten, was ihm lieb und teuer ist. Die Entwertung, die er erlebt hat, infiziert alles. So lässt er sich selbst im Stich, kollaboriert mit dem Feind – bis er fast sich selbst verliert.

Die einzige Rettung ist, einen „inneren Altar“ zu errichten, einen Ort, der von aussen nicht zu finden und zu zerstören ist, wo er seine Wertschätzung pflegen kann, wo er an dem festhalten kann, was ihm wichtig ist und was den Sinn seines Lebens ausmacht. Und das zu retten heisst in diesem Fall, sich selbst zu retten.

So trägt er sich mit dem Plan zu einem „andern Buch“, das er zunächst nur für sich schreiben will. Das einzige worauf es ankommt: dass es „wahr“ sein soll, dass er dort sagen kann, was er denkt und fühlt und was ihm heilig ist.

Kindheits-Erlebnisse

Der Tod schickt seine Boten weit voraus. Schon in der frühsten Kindheit, schon bei der Geburt wird das Leben bedroht. Schon in der Wiege tauchen Verletzungen auf, die ein Leben prägen und für seine ganze Dauer begleiten können. Zu Leben und Tod gehört auch das „Trauma“.

Das ist eine Form von Verletzung, die auch schon die Heilung mobilisiert. Es ist ähnlich wie bei einer körperlichen Verletzung, wenn die weissen Blutkörperchen eine Infektion bekämpfen, wenn die Blutplättchen das Blut gerinnen lassen, damit die Wunde sich schliesst. So hat auch das Erleben seine Selbstheilungskräfte. So hat auch die Psyche ihre Wunden, zu denen ein ganzes Set von Reaktionen gehört. Diese sind offenbar gattungsgeschichtlich erworben und weitergegeben.

Im Erleben eines Menschen tauchen sie auf. Sie prägen die Wahrnehmung mit Bildern, sie lenken die Reaktion mit Abwehr-Mechanismen. Sie führen auf einen Weg des Wahrnehmens, Fühlens, Handelns, lang bevor Denken und bewusstes Tun einsetzen.

Und das erwachsen werdende Kind, wenn es sein Leben in die Hand nehmen will, stösst auf eine ganze Batterie von eingewachsenen Reaktionsweisen, die zugleich Wahrnehmung und Verhalten prägen. Das Terrain, das es mit seinem Handlungsbewusstsein einnehmen will, ist schon lange besetzt. Und dort finden sich Bilder, die es aus der Kindheit kennt, die sich ihm schon vorbewusst eingeprägt haben.

In Märchen hat man ihm davon erzählt. Und wenn es diesen nachgehen sollte, findet es die Motive schon in alten Mythen und Religionen. Doch hier verschwimmt alles im Geräusch des Uralten, mit dem heute esoterische Geschäfte gemacht werden.

Ein Suchweg beginnt

Wer seinem Leben folgt, findet es in sich selbst. Er macht, ohne dass er das wollte oder einmal für sich beschlossen hätte, einen Suchweg. Er geht durch Tunnels, kommt auf Plätze, wandert durch dunkle Wälder, findet auf eine Lichtung. Er schifft sich ein, gerät in Seenot, fällt über Bord. Das Wasser geht im bis zum Hals, es geht ihm über den Kopf. Er verliert den Boden unter den Füssen und geht unter.

Er tritt eine Reise an ihm Dunkeln. Hier werden Bilder hell, die in der normalen Welt nicht zu sehen sind. Sie leben in einem besonderen Gedächtnis. Jetzt ist ihre Zeit gekommen. Sie zeigen ihm Gestalten, führen ihn einen Weg.

Und plötzlich ist er wieder hinausgeworfen in eine helle Welt. Als ob er neu geboren wäre. Und er nimmt sein Leben wieder auf. Aber jetzt gelingt es ihm besser. Er kann brauchen, was er im Dunkeln erlebte. Es ist nützlich, was er lernte auf diesem Umweg, den er nie freiwillig auf sich genommen hätte, der ihm wie das Unsinnigste erschienen wäre, womit man sein Leben zubringen kann.

Sieh da, der Mensch!

Aus einer Karwochen-Meditation

Wenn Sie die Ereignisse der Karwoche in der Bibel verfolgen, so ist alles dicht gedrängt. Ein ungeheuer dramatisches Geschehen rollt da vor unseren Augen ab. In der Mitte steht der Satz: Sieh da, der Mensch! So sagt Pilatus, als er Christus dem Volk präsentiert.

Sieh da, der Mensch! – Es ist tatsächlich nichts weniger als eine Auslegung davon, was der Mensch ist, was sein Leben ausmacht, sein Verhängnis aber auch seine Rettung.

 

Die grossen Fragen
Hier werden die grossen Fragen des Lebens gestellt und beantwortet: Wer sind wir Menschen, die so viel Gutes und Schönes erreichen können, aber auch so viel Schlechtes? – Wir möchten so viel erreichen im Leben – was wird, wenn unsere Lebens-Pläne durchkreuzt werden? – Was ist der Sinn? – Gibt es Gerechtigkeit? – Ist das Recht immer mit den Siegern? – Was geschieht mit denen, die auf der Strecke bleiben? – Ist die Geschichte nur eine endlose Spur der Gewalt? – Worauf können wir hoffen?

Die grossen Fragen werden gestellt – aber nicht wie in einem philosophischen Buch beantwortet. Hier wird eine Geschichte erzählt. Die Geschichte von Jesus Christus. Und wer sich einlässt auf diese Geschichte und auf seine eigene Geschichte, der findet für sich Antwort. –

In einem Psalm heisst es:
„Aus der Bedrängnis rief ich den Herrn an, und der Herr hat mich erhört und befreit. Der Herr ist für mich, ich fürchte mich nicht, was sollten mir die Menschen tun? Ich danke Dir, dass du mich erhört hast und mir zum Retter geworden bist.“ (Ps 118)

 

Wenn das Leben stillsteht
Was kann die Passion uns sagen? – Auch heute gibt es Passionen. Im Krieg, aber auch mitten im Frieden geschieht es, dass Menschen verletzt werden. Geht diese Verletzung tief, sprechen Psychologen von einem Trauma. Das ist eine Erfahrung, die sich dem Menschen regelrecht einbrennt.

Das Leben scheint stehen zu bleiben bei diesem Augenblick. Und es braucht im späteren Leben nur eine Erinnerung, so ist es wieder da: dieses Gefühl von Erstarrung, Ohnmacht und Lähmung. Und die Reaktion, die damals gelernt wurde, spult sich wieder ab. Die Menschen fühlen sich gefangen in einem ewig gleichen Ablauf.

Die Passionsgeschichte ist die Geschichte eines Menschen, einer Gemeinschaft, die durch ein solches Trauma hindurch gegangen ist – und die Heilung erfahren hat.

In der Kirche wird diese Geschichte immer wieder erzählt. Und immer wieder haben es Menschen als hilfreich empfunden, den Weg durch diese Geschichten mitzugehen. Wer sich darauf einlässt, wer sich aufmacht und Christus auf seiner Passion begleitet, der erlebt etwas. Sein eigener Weg kann sich klären auf diesem Weg.

Indem er die Not Christi betrachtet, findet er Ausdruck auch für die eigene Not. Er kann hinsehen, was geschehen ist. Er sieht ein Licht, dem er folgen kann. Er findet einen Weg, der zu einem neuen Leben führte. Darum erzählen Christen immer wieder die Passions-Geschichte, nicht weil sie Freude am Leiden hätten, sondern weil es im tiefsten Grund eine Heilungsgeschichte ist.

 

Die starken Gefühle
Man könnte die Passion auch beschreiben anhand der Gefühle, die in ihr auftreten.

Gefühle gibt es viele in der Passionsgeschichte: Da sind Enttäuschung, Angst, Bitterkeit, Empörung, Beschämung, Wut, Ohnmacht. – Nicht nur Jesus Christus ist betroffen, viele Menschen stehen an seinem Weg. Da sind Freunde und Gegner, und da ist Neid und Missgunst – aber auch verletzter Stolz und der Wunsch, es jemandem heimzuzahlen.

Es sind starke Gefühle, die da angesprochen werden. Sie gehören zum Leben, wie die schönen Gefühle. Aber von ihnen spricht man selten. Wenn wir so etwas empfinden, dann verstecken wir es. Wir lassen sie nicht zu. Und wenn uns doch etwas trifft von diesen Gefühlen, dann kann es uns aus der Bahn werfen. Angst oder Ohnmacht – wir „kauen“ oft tagelang darauf herum.

Gefühle wie verletzter Stolz oder Vorwürfe – das können wir ein halbes Leben mit uns herumtragen. Sie lassen uns keine Ruhe. Sie verletzten immer wieder aufs Neue, wenn sie aufsteigen. So kann ein Leben regelrecht verbittert werden. – Bis wir irgendwann zu Rande kommen damit. Dabei kann uns die Passion helfen.

 

Spott und Hohn
In der Passion wird der Leidensweg Jesu erzählt. Die Leute strömen zu ihm, er hat grossen Zulauf, aber da stehen mächtige Gegner gegen ihn auf. Sie suchen, wie sie ihm etwas anhängen können. Schliesslich bringen sie ihn unter einem Vorwand vor Gericht. Er wird verhaftet und eingesperrt. Seine Anhänger kriegen es mit der Angst zu tun. Er muss zusehen, wie immer mehr von ihm abfallen. Auch engste Freunde gehen. – Es wird einsam neben ihm.

Die Soldaten treiben ihren Spott. Sie verbinden ihm die Augen und spucken ihn an: „Weissage mir, wer es gewesen ist!“ Sie setzen ihm eine Dornenkrone auf und verneigen sich: „Heil dir, König der Juden!“ … Sie kennen die Geschichte. Ja, da sind starke Gefühle. Da ist die Wut der Verfolger. „Kreuzige ihn!“ rufen sie. – Eine solche Wut lässt sich gar nicht begreifen. Wie hat er das verdient? –

Da ist die Scham des Verfolgten. Vor allen Leuten wird er blossgestellt. Er wird verspottet und ausgelacht. Jeder kann ihm einen Tritt geben, der will. – Wer so vorgeführt wird, der möchte am liebsten im Boden versinken. So weiterzuleben, scheint ihm ganz unmöglich. Er glaubt, nie mehr den Kopf heben zu dürfen im Leben.

Wir begreifen das Gefühl der Ohnmacht, so ausgeliefert zu sein. Die Menschen um Jesus getrauen sich nicht, einzugreifen. Und die Ohnmacht stachelt ihrerseits die Wut an. Man möchte es den Gegnern heimzahlen.

 

Verknotet zu unlösbaren Konflikten
So läuft es oft in der Welt und auch heute. So werden Knoten geschürt, die nicht mehr aufgehen. Wut stösst auf Wut und Gewalt auf Gewalt. Es entstehen Konflikte, von denen man immer wieder in den Nachrichten hört. Kein Mensch sieht, wie ein Ausweg möglich sein soll. Ganze Konfliktgebiete gibt es auf der Erde, wo kein Friede einkehrt.

Hier in der Passion ist es anders. Hier ist es anders, weil Gott sich einmischt. Er gibt dem Opfer Recht. Er vergisst ihn nicht: ihn, der gedemütigt am Rand verscharrt wurde. Er hebt in ins Licht. Er macht es zu seiner Sache. Er hebt ihn zu sich empor. Und er setzt das Opfer zum Richter ein, so sagt es der Glaube. Er wird wieder kommen, am Ende der Zeit, und Gericht halten. Da kommt alles vor seinen Thron. Er sieht alles an, damit es Gerechtigkeit gibt – Gerechtigkeit in der Welt, Gerechtigkeit für jedes Leben.

 

Das verletzte Recht wird geheilt
Das ist der Glaube der Jünger. Das ist das Vertrauen von Ostern. Weil sie auf Gott vertrauen, nehmen sie es nicht in die eigene Hand.

Der Apostel Paulus sagt: Rächet euch nicht selbst, sondern gebt Raum dem Zorn Gottes; denn es steht geschrieben: „Die Rache ist mein, spricht der Herr. Ich will vergelten. Darum lasse dich nicht vom Bösen überwinden, sondern überwinde das Böse mit Gutem.“ (Römer 12, 19)

Darum, die Christen, wenn sie etwas haben, das sie beschäftigt, dann übergeben sie es Gott. Mein ist die Rache spricht der Herr. Sie übergeben ihm ihre Wut, dass er etwas daraus mache, ihre Enttäuschung, ihren Schrei, dass das nicht sein darf!, ihren Wunsch nach Vergeltung. Und sie erfahren im Glauben, dass Gott es aufnimmt. Er lässt Jesus nicht im Grab. Er bringt ihn ins Licht und zu Ehren. –

So zu glauben, das haben die Christen bei Jesus gelernt. Denn er hat selber so auf Gott vertraut und in diesem Vertrauen sein Leben angenommen. Als er verhaftet wird, greift ein Jünger nach dem Schwert. „Steck es zurück! Ruft er ihm zu: Wer zum Schwert greift, wird durch das Schwert umkommen.“ (Mt 26,52) Er will das Unrecht nicht heimzahlen. Eines seiner letzten Wort am Kreuz ist: „Herr, vergib ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun!“ (Lk 23,33)

 

Ein Weg
So hat er uns einen Weg geöffnet, wie wir mit Schuld umgehen können: Es ist die Vergebung. So hat er einen Türe aufgemacht, wie wir aus Sackgassen herausfinden: weil wir glauben dürfen, dass auch wir Vergebung finden. Und dass wir ganz und gar angenommen werden, selbst wenn wir uns verirrt haben und falsche Wege gegangen sind in unserer Passion.

Er zeigt uns, wie wir mit starken Gefühlen umgehen können, auch mit Scham und Blossstellung: im Vertrauen auf Gott, der sich niederbückt zu den Gedemütigten und sie aufrichtet, und der ihnen sagt: „Du bist teuer in meinen Augen und wertgeachtet, ich habe dich lieb!“ (Jes 43, 4)

Die Passionsgeschichte lehrt uns, auch in den schweren Zeiten unseres Lebens das Vertrauen auf Gott aufrecht zu erhalten.
Gott ist gerecht. An dieser Überzeugung dürfen wir festhalten. –
Gott ist gerecht – auch wenn wir manchmal verzweifeln möchten am Leben.
Gott ist gerecht – dieser Glaube gibt Kraft, den Weg zu gehen. Er lehrt uns eine gute Haltung, er leitet uns richtig an bei unseren Entscheidungen. Auch unser Leben kommt ans Ziel. Gott steht zu uns, er führt uns und begleitet uns. Es gibt eine Gerechtigkeit auch für uns und unser Leben.

Der Suchweg geht weiter

Wer seinem Leben folgt, der macht, ohne dass er das wollte oder einmal für sich beschlossen hätte, einen Suchweg. Er geht durch Tunnels, kommt auf Plätze, wandert durch dunkle Wälder, findet auf eine Lichtung. Er schifft sich ein, gerät in Seenot, fällt über Bord. Das Wasser geht im bis zum Hals, es geht ihm über den Kopf. Er verliert den Boden unter den Füssen und geht unter.

Er tritt eine Reise an ihm Dunkeln. Hier werden Bilder hell, die in der normalen Welt nicht zu sehen sind. Sie leben in einem besonderen Gedächtnis. Jetzt ist ihre Zeit gekommen. Sie zeigen ihm Gestalten, führen ihn einen Weg.

Und plötzlich ist er wieder hinausgeworfen in eine helle Welt. Als ober er neu geboren wäre. Und er nimmt sein Leben wieder auf. Aber jetzt gelingt es ihm besser. Er kann brauchen, was er im Dunkeln erlebte. Es ist nützlich, was er lernte auf diesem Umweg, den er nie freiwillig auf sich genommen hätte, der ihm wie das Unsinnigste erschienen wäre, womit man sein Leben zubringen kann.

Aber hier, in diesem Dunkel, in diesem Umweg, in dieser Reise durch den Nahbereich des Todes, in diesem Versinken im Strudel, gegen den alle Angst sich wehrt, hier hat er etwas gelernt, was alles Tun und Wollen ihn nicht lehren könnte. Er könnte es nicht steuern, aber es gibt einen Führer, den er auf diesem Weg mitnehmen kann: das ist das Vertrauen, damit er die Sicherheit loslassen kann. Die Sicherheit hält ihn fest, er will dann alles unter Kontrolle halten. Und ganz sicher will er nicht in das hineingehen, was ihm Angst macht. Aber gerade dort ist der Weg. Gerade dort hindurch muss er gehen.

Und dort, wo er ein Leben lang dachte, sei der Strudel, das Loch, in das er sicher nie mehr hineinfallen wollte – das war sein Lebensplan – dort zeigt sich ihm jetzt die Mitte. Und später, wenn er im Leben wieder einmal dahin gelangen möchte, ist dieser Ort nicht mehr umstellt mit feurigen Flammen und eisigen Kanälen. Jetzt ist eine Tür da, wo nie vorher eine Tür war. Jetzt kann er hindurchgehen. Und sie öffnet sich in einen Garten.

Und er kann eintreten in den Garten, in die Stille, und er erlebt sich im Einklang.

Wo das Loch war seiner frühesten kindlichen Verletzungen, ist jetzt eine Mitte, in der er sich einfinden kann. Wo Verhaltensweisen sein Leben bestimmten, das andere nur als pathologisch einstufen konnten, eröffnet sich neue Freiheit.

Er hat, was seine Psyche als Verletzung empfing, umgewandelt. Etwas ihn ihm hat geholfen, als ob die Psyche eine Selbstheilungskraft hätte. Er hat es kultiviert, was anfangs naturwüchsig in ihm ablief. Er hat zur Religion gefunden, zum Glauben.

Er hat Vertrauen gelernt, zu andern Menschen, zu sich selbst, zum Dasein. Er kann auf andere zugehen, kann die reaktiven Mechanismen abbauen. Es ist, als ob die Blume im Garten, die immer nur kümmerliche Blüten trieb, sich verwandelt hätte. Sie hat Farbe angenommen, sie reckt sich in die Höhe. Sie nimmt das Licht und die Wärme auf. Dann lässt sie die Blätter fallen und Samen erscheinen, die mit dem Wind über die Wiesen treiben.

 

Foto von Reza Nourbakhsh. Pexels

Werschätzung

Warum können manche Menschen an ihrem Ziel festhalten und unbeirrt an einer Aufgabe arbeiten und andere verlieren sich immer wieder und resignieren an ihrem Leben? – Viele Menschen haben schon früh gelernt: „Was du machst, ist nichts wert.“ Und sie stimmen in dieses Urteil ein. Sie können im Lauf des Lebens lernen, sich ernst zu nehmen und dem treu zu bleiben, was sie für sich als richtig erkannt haben.

Das ist nicht einfach, da es dem Gefälle des Charakters entgegenläuft. Sie haben das Urteil der andern übernommen. Sie neigen sich vor etwas, was grösser scheint, als ihre Einsicht. Es ist, als ob da ein Götze auf ihrem Altar thronte, dem sie dienten, auch wenn sie grosse Opfer dafür geben müssen. Sie opfern ihre bessere Einsicht und ihre Sehnsucht nach einem richtigen und ganzen Leben – dass das auch für sie eines Tages noch wahr werden könnte.

Innere Widmung
Wenn das gelingen soll, müssen sie andere Grössen auf den Altar setzen und ihren Götzendienst beenden. Das meint die Rede vom „inneren Altar“: dass sie das wertschätzen, was ihnen wirklich etwas bedeutet, statt es kleinzumachen und in den Chor der Spötter einzustimmen.

Sie müssen aufhören, mit dem zu kollaborieren, was sie kaputt macht, nur weil sie Anerkennung suchen, nur weil sie sich das Recht zum Dasein verdienen wollen. Dieses Recht verdient man nicht, man erhält es von Gott geschenkt. Er gehört darum auf den Altar. Ihm muss man danken lernen. Dann wird man vom Dienst an falschen Herren frei.

Psychologisch ausgedrückt geht es um die innere Widmung ihrer Arbeit: Was ist die innerste Ausrichtung ihres Tuns? – Was ist das Ziel, das alles andere relativiert? -Wofür lassen sie alles stehen und liegen, wenn sie nur das eine bekommen? –

„Der Gräuel“
Die Rede vom „inneren Altar“ ist ein religiöses Bild. Die Makkabäer Bücher in der Bibel schildern, wie Israel und der Vordere Orient von den antiken Griechen erobert und von den Diadochen-Staaten nach dem Tod Alexanders verwaltet wurden. Um ihre Herrschaft zu festigen, verfolgten sie eine bewusste Religionspolitik. Sie setzten einen „Gräuel“ auf den Altar, wie es in den Makkabäer-Büchern heisst.

Der Widerstand soll schon im Ansatz gebrochen werden, indem auch die Seelen in Verwaltung genommen werden. Mit dem Tempel, wo das Volk sein Heiligstes verehrt, soll auch das Innerste neu besetzt werden. Die Unterworfenen sollen sich vor den Werten der Besatzer verneigen. (So haben Herrscher in unterworfenen Gebieten immer ihre Repräsentanten zur Verehrung ausgestellt, von den Römern und ihrem Kaiserkult bis zu den Habsburgern mit dem sagenhaften Hut auf der Stange in Schillers „Tell“.)

„Innerer Altar“ als abgekürzte Redewendung heisst: Das wertschätzen, was man als richtig erkannt hat; sich nicht vor falschen Götzen verbeugen; schon am Morgen nach dem Aufstehen die richtige Haltung einnehmen, damit das Verhalten während des ganzen Tags in die richtige Richtung geht. Denn das Bein, mit dem man aufsteht, macht den ersten Schritt. Die Haltung, mit der man aufwacht, bestimmt die Wahrnehmung, die Gefühle und das Verhalten.

Es ist eine komplexe Wechselwirkung von Innerem und Äusserem, was die soziale Realität bestimmt. Da sind Werte, Gefühle, Einsichten, Institutionen und Charakterprägungen, die das Verhalten bestimmen. Vieles scheint seit der Geburt geprägt und kaum veränderbar.

Es ist jedoch die Erfahrung eines spirituellen Lebens, die viele Menschen machen: Es kann verändert werden. Selbst die Verhärtungen des Charakters werden beweglich. Selbst die objektive Gestalt, die Inneres in äusseren Institutionen gefunden hat, kann verändert werden. So baut sich ein Leben ein neues Haus. So wächst es von innen, vom Altar und seinen Werten, nach aussen, in die sichtbare Wirklichkeit hinein.

Was wir wertschätzen spielt eine wichtige und oft unterschätzte Rolle dabei.

(Aus Notizen 24.3.19)

Ein Altar für die tägliche Verehrung

„Egal, ob andere sich für dasselbe interessieren.

Wenn ich es tue, will ich nicht davon abweichen, nur weil es ausserhalb scheinbar nichts gilt. Ich will mich nicht davon abbringen lassen, ob es sie interessiert oder nicht.

Ich will in mir selbst einen Altar errichten, ein Licht anzünden, den Tisch decken, die Hände waschen, ein schönes Kleid anziehen und feiern!“

(Aus Notizen 15.2.04)

Traum-Geschichten

„Ich habe das Gefühl, ich sei durch einen langen Tunnel hindurch gegangen. Und noch ist er nicht fertig. Eine Verletzung weckt alte Verletzungen und Reaktionsweisen. Sie wirft einen zurück. Entweder man wiederholt die alten Geschichten oder es wird eine Chance zu Versöhnung und Wachstum.

Was mir im Lauf meiner Notizen klar geworden ist: Mein ganzer Heilungsweg, was einen Lebensbeweg beinhaltet, einen Glaubensweg, einen Suchweg auf vielen Gebieten der Kultur und des Sich-Verhaltens, ging aus von einem „Trauma“.

Das Wort gefällt mir (und ich möchte nicht, dass gleich alle Aha-Erlebnisse wachgerufen werden, die man damit verbindet, mitsamt den Einordnungen und Schubladisierungen, die man in Auseinandersetzung mit diesem Wort gelernt hat).

Das Wort Trauma erinnert an Traum und das an jene Art, die Realität wahrzunehmen, die auch zu diesen Verletzungsgeschichten gehört, wo man durch eine Landschaft geht wie durch einen Traum. Und wo, wenn es intensiver ist, alles in ein helles Licht getaucht ist. Alle Angst, die vorher noch so bedrängend war, ist weg. Man ist reine Gegenwart, „actus purus“, wie in jenem Moment vor der Geschichte, als alles entstanden ist und alle Wirklichkeit geprägt wurde.

Oder man ist in Blaubarts Zimmer, wo er sein Geheimnis verwahrt hat. Und jetzt ist alles klar. Das ist der Ort, wo Verhalten geprägt, verletzt und geheilt wird. – Wenn man denn den Mut hat, da hinein zugehen, nicht vor der Angst davon zu laufen, sondern ihr entgegen und mitten hinein.

Es ist mein Stück
Das Trauma prägt jene Geschichten, die man immer wiederholt. Und man fragt sich: Warum muss mir das immer geschehen? Warum müssen die Menschen mir immer wieder auf diese Weise mitspielen? Man fühlt sich als Opfer, bis man begreift: Ich bin der Regisseur und die andern sind nur Marionetten in meinem Spiel. Und der Finger, der in ihrem Kopf steckt, das ist meiner. Ich führe das Stück auf. Es ist immer wieder dasselbe, aber ich nehme wechselnde Personen dafür, je nachdem, wie das Leben sie mir an die Hand gibt. Mal sind sie aus der Schule, dann aus dem Beruf, oder aus der Familie, wo immer.

Ich führe das Stück auf, und sie wären wohl froh, wenn ich sie frei liesse und wenn sie mir begegnen könnten, wie es ihnen entspricht und der Situation. Aber sie müssen immer ein Kleid anziehen, das ich ausgesucht habe, in die Maske gehen und einen Text aufsagen, der ihnen übergestülpt wird wie eine fremde Rolle.

Es ist die Rolle in meinem Stück, wo ich immer wieder verletzt, gedemütigt, vernichtet werde. Ich werde nicht müde, das Stück zu wiederholen, so schrecklich es auch ist. – So haben sich die Altvorderen die Hölle vorgestellt, in ewig gleichen Ablauf-Schlaufen, darum in Kreisen aufgebaut, in den neun Kreisen der Hölle.

Die Betrachtung der Passion ist heilsam. Die Geschichten, die in einer Religion erzählt werden, bilden so etwas wie ein gemeinsames Trauma. Viele Generationen von Menschen haben sich darin wiedererkannt und sie haben ihre Erfahrungen darin eingetragen. Und das sind nicht nur die verletzenden, sondern auch die heilsamen.

Die Mitte taucht auf
„Er wird die Schuld der Väter heimsuchen bis ins dritte und vierte Glied.“ – Das Trauma vererbt sich, es legt sich wie ein dunkler Fluch auf kommende Geschlechter, aber es mildert sich auch. Und nach drei, vier Generationen ist es verheilt.

Das Leben ist kreativ, Kinder sind kreativ. Und auch ein Mensch allein arbeitet schon an seinem Leben. Und dort, wo das „Loch“ war, die Finsternis, wo alles Leben hineinzustürzen drohte, dort wird die „Mitte“ sichtbar. Es ist ein Ort, wo man nicht mehr verschlungen wird, sondern wo man gerne hingeht, wo man sich gehalten und geborgen fühlt, wo man gegenwärtig werden kann, das Ganze des Lebens ergreifen.

Und dieser geplagte Mensch – im Gebet kann er sich einem „Du“ gegenüberstellen, alles fasst er in diesem Du zusammen. Er kann alles übergeben und erhält alles zurück. Er sieht sein Leben jetzt mit andern Augen. Mit den Augen Gottes: Das sind Augen der Liebe, nicht der Verfolgung, der Annahme, nicht der Verwerfung, der Würdigung, nicht der Verachtung.

Die Intuitionen haben ihm dabei geholfen. Jene Ahnungen, die nicht aus der Erfahrung abgezogen werden, sondern vor aller Erfahrung das Leben und Erfahren prägen: dass es so etwas wie Gehalten-Werden gibt, Erbarmen, dass es so etwas wie Gerechtigkeit gibt und die Würde der Person, dass Leben gelingen soll, nicht verstümmelt werden, dass ein Weg ankommen soll, nicht in der Wüste verlaufen…

Der Moloch
So füllt sich das Loch, die Farbe ändert sich. Und wo die Makkabäer, die Freiheitskämpfer des antiken Israel, von jenem Ungeheuer sprechen, dem „Gräuel der Verwüstung“, das auf dem Altar sitzt (die Eroberer und Unterdrücker des Volkes haben es als Götzen dorthin gesetzt, damit die Unterworfenen es anbeten sollen und ihre Herrschaft anerkennen), dort ist wieder Gott anzutreffen. Der Altar wird gereinigt, die Verletzung geheilt. Und wer dorthin flieht, findet Hilfe und Heilung.

Aber diese Schande hatte die Lebenskraft des ganzen Volkes geraubt:

„In seiner Vermessenheit betrat der König sogar das Heiligtum; er raubte den goldenen Rauchopferaltar. (…) Da kam grosse Trauer über das ganze Land Israel. Die Vornehmen und Alten stöhnten; die Mädchen und jungen Männer verloren ihre Kraft und die Schönheit der Frauen verfiel. Jeder Bräutigam stimmte die Totenklage an, die Braut sass trauernd in ihrem Gemach. Das Land zitterte um seine Bewohner. Das ganze Haus Jakob war mit Schande bedeckt.“ (1, 21ff)

Der innere Altar
Ich habe meine Notizen aus dem Jahr 2006 unter dem Titel „Der innere Altar“ zusammengefasst. Ich habe damals eingesehen, dass ich meiner Tendenz widerstehen muss, mich immer nach aussen auszurichten. Wenn einer was gut findet, renne ich in diese Richtung, weil ich unersättlich bin nach Anerkennung. Wenn jemand etwas kritisiert, lasse ich mich selber im Stich. Ich verrate das, was mir wichtig geworden ist. Ich muss von mir selber ausgehen und dem treu bleiben, was ich für mich als gut und richtig erkannt habe. Ich muss selber einen Tisch decken, eine Kerze anzünden, einen Altar aufrichten und das feiern, was ich als wahr und richtig und schön erkannt habe.

Das Mädchen mit der Flagge
So hisst das Mädchen in Miyazakis Film „Mohnblumenstrauss“ jeden Morgen die Flagge, weil es auf die Rückkehr seines Vaters hofft, der im Koreakrieg geblieben ist. Es ist wie ein Gruss in den Himmel. Und sie findet, als sie herangewachsen ist, ihren Freud, als ob der Himmel Antwort gegeben hätte.

Sie denkt nie und nimmer daran, dass sie einen Freund finden würde, wenn sie die Flaggen hisst, sie denkt an ihren Vater. Sie zeigt die Flagge und ist dem treu, was ihr wichtig ist, wichtiger als alles andere.

So kann ich meine Arbeit tun und brauche an nichts anderes zu denken. – Ob das je auf Beachtung oder Wertschätzung stossen wird? Ich kann die Flagge hissen, an den Vater denken und den Rest ihm überlassen.

(Aus den Notizen 7.11.17)

Innere Bilder und äussere Wege

„Was wissen innere Bilder von äusseren Ereignissen?

Dieses Buch handelt von inneren Bildern und äusseren Wegen.
Wie soll das eine mit dem andern zusammenhängen?
Ist das Innere nur ein Echo für das Äussere? Oder – wenn es manchmal sogar früher auftaucht als das Äussere und in Träumen und Ahnungen eine Zukunft aufscheint – sollte da eine geheime Alchimie vorhanden sein für eine „innere Führung“ im Leben?
Nicht die Spekulation interessiert hier, sondern die Lebenspraxis: Ist da etwas zu finden, was im Leben hilft?

Der Sturm und sein „Ende“
Heute Morgen sitze ich mit flauem Gefühl am Schreibtisch. Draussen braut sich ein Sturm zusammen. Dunkle Wolken türmen sich auf. Es rüttelt an Bäumen und Ästen. Ich denke an die Klimaveränderung und ihre Folgen. Das flaue Gefühl rührt vielleicht aber eher von meinem Leben her, weil es sich seinem Ende nähert.

Schon gestern haben sie eine Sturmwarnung durchgegeben. Aber morgen soll es schon wieder ruhiger werden. So nimmt die Zivilisation die Angst aus dem Sturm. Die Wetterprognose weiss: „Übermorgen“ ist es vorbei. Aber wenn man den Sturm kommen hört, identifiziert man ihn leicht mit dem, „was kommen muss“ und was allem ein Ende setzt. Da ist ein inneres Ende, ein inneres Bild für Ende, das aufwacht und sich mit diesem und jenem verbindet, das man kommen sieht.

Das innere Bild ist nicht falsch. Die äusseren Ereignisse haben auch das Zeug dazu, ein Ende zu bringen für vieles. Aber die Verknüpfung ist oft falsch. Das innere Bild vom Ende ist auf bestimmte Weise geprägt, es mobilisiert die Angst von „damals“. Es führt auf den abschüssigen Weg traumatischer Erfahrung, wo es „nur noch einen Schritt!“ braucht und alles stürzt ins Loch…

Mein Innenleben an der Zimmerdecke
Letzten Sommer waren wir in Rheinau. Es war „Tag der offenen Türe“ auf der Klosterinsel. Jahrelang kannten wir das Kloster nur von aussen. Aber wir fühlten uns zu diesem Ort hingezogen. Jetzt öffnete sich die Tür. – Wie wird es sein?

Alles ist aufwendig restauriert. Alles sieht teuer aus, die Installationen sind auf modernstem Stand. – Aber ich bin enttäuscht. Alles ist grau-weiss gestrichen. Ein Gefühl von Enge stellt sich ein. Nur dort, wo ein altes Treppenhaus belassen wurde, wird es weit, so dass man atmen kann.

Den Weg, der vom Kloster zur Kirche führt, kann man jetzt inwendig abschreiten. Wir gehen durch diesen Gang. Ein Wohlgefühl stellt sich ein. Obwohl es immer noch eng ist. Aber gehen, etwas abschreiten, einem Ziel entgegen gehen – das ist ein inneres Bild, wie ein „Archetyp“. Es weckt ein Echo, lässt etwas anklingen, dem wir nachhören. Wir werden nach innen geführt, wenn wir aussen gehen. Es weckt die Erinnerung und lässt die Intuition äusserlich erleben. – Architektur wird offenbar als wohltuend empfunden, wenn sie erlaubt, etwas äusserlich zu begehen, was innerlich lebendig ist. Sie bekommt etwas Sakrales. Als ob es Teil von einem Tempel wäre.

Auf diesem Weg kommen wir an einem Zimmer vorbei, dessen Decke original belassen wurde. Man kann sich setzen und das Deckengemälde von 1675 betrachten. Ich staune: Das hielt ich für das Allerprivateste, denn ich kenne es von meinen Träumen. Aber hier ist es öffentlich! Es sind Bilder vom „Tor“, vom „Garten“, vom „goldenen Haus“, vom „Turm“… Es sind offenbar solche Archetypen. Jedenfalls innere Bilder, wie sie auf dem Glaubensweg aufscheinen.

Ich erinnere mich gut an die Träume vom Tor (wenn man hineinging, wurde es ruhig, das Gelärm der Leute verlief sich); vom Garten, der nicht verschlossen war (das Tor zum Garten war immer da, aber bisher bin ich immer daran vorbeigegangen, ich sah es nicht. Hier konnte ich mich in die „Mitte“ stellen.); vom Turm, der am Wegrand stand, ich musste erst dort vorbei (und da sein für unsere Kinder), bevor ich zum Tempel im Hintergrund weitergehen durfte; vom schönen Haus…

Innen und aussen
Das Erlebnis mit dem Sturm zeigt: Es gibt innere Bilder, die bereit stehen, Erlebtes zu deuten. Es gibt dunkle Bilder, die aus traumatischen Erfahrungen stammen. Und es gibt helle Bilder – und diese kommen von weiter her. Auch andere Menschen kennen sie, die nicht meine Erfahrungen geteilt haben. In alter und ältester Zeit finden sich Berichte darüber. In der Religion werden sie kultiviert.

Das Bild vom „Ende“ ist ein Bild, das die traumatische Erfahrung immer wieder wie ein Netz über das tägliche Erleben wirft. Und so wird es gefangen. Es zappelt im Netz. Das Leben zappelt wie ein gefangenes Insekt und will sich befreien. Und der Mensch denkt: „So ist es, das Leben ist ein dunkles Loch, es ist alles sinnlos, alles geht zugrunde.“ Darum sind die andern Bilder so wichtig. Darum ist es so wichtig, dass das Evangelium von aussen kommt und die andern Bilder weckt, die innen in uns ruhen. Dass wir wieder anschliessen können an die lebenspendenden Bilder, an Bilder der Hoffnung, der Liebe und des Vertrauens.

Denn nur so können wir die Spaltung überwinden, die Spaltung in uns und gegen aussen. Nur so finden wir ein Bild des Ganzen, das mit sich übereinstimmt. Nur so ist Integration möglich: Integration in sich selbst und damit psychische Gesundheit und Integration nach aussen, im Zusammenleben mit den Menschen. Nur so auch ein Umgang mit der inneren und äusseren Natur, der diese nicht vergewaltigt sondern Frieden schliesst. Nur so also ein Entwicklungspfad der Zivilisation, der sich nicht selbst ein Ende gräbt, weil er auf Nebenwege führt, wo es kein Durchkommen mehr gibt.

(Aus dem Vorwort für das Buch „36 Ansichten vom Berg Fuji“, Notizen 2009)

 

Foto von Jose Luis Acevedo Gonzales, Pexels

«Auch im Glauben gibt es Modeströmungen. Auch in der kirchlichen Verkündigung gibt es Themen, die im Vordergrund stehen und Traditionen, die eher unbeachtet bleiben. Wenn aber der Zeitgeist umschlägt, geraten andere Überlieferungen ins Scheinwerferlicht. Oft sind es die Themen im Dunkeln, die die Zukunft prägen. Dort ist etwas zu lernen, was uns in der kommenden Zeit weiterhelfen wird. So wird das Evangelium in der Verkündigung immer wieder verkürzt oder gar „halbiert“. Aber es hat eine Kraft in sich, die neugierig macht, auch die andere Hälfte kennen zu lernen.»

6. Januar 2012

 

Wo und warum wird das Evangelium «halbiert»?
Im Folgenden einige Texte aus einem Kurs, den ich 2012 gehalten hatte.

Das „halbierte Evangelium“

Sie stöbern in einer Buchhandlung. Vieles lassen Sie achtlos auf der Seite. Aber plötzlich, bei einem Titel, fühlen Sie sich wie erkannt. Sie sind wie elektrisiert! Das Buch scheint wie für Sie gemacht! Wie konnte der Autor das wissen? Aber bald begreifen Sie: Solche Bücher gibt es immer wieder. Aber früher waren Sie nicht offen für dieses Thema. So ein „Buchladen“ mit vielen Texten ist auch die Bibel. Und auch sie kennt eine Entdeckungs-Geschichte.

Nicht alles, was in der Bibel steht, berührt uns beim ersten Lesen. Wer verliebt ist, entdeckt die Liebestexte. Wer krank ist, dem erschliessen sich die Stellen, die von Krankheit und Heilung reden. Viele Erfahrungen sind in der Bibel aufbewahrt. Ob wir sie entdecken, hängt auch an uns, ob wir offen sind dafür. Darum gibt es nicht nur eine Entdeckungs-Geschichte der Bibel, sondern auch eine Verdeckungs-Geschichte. Nicht alles mögen wir hören. Bei gewissen Themen halten wir die Ohren zu.

Sehnsucht und Widerstand
Vielfältig sind die Widerstände, die schon in biblischer Zeit laut wurden und in die Bibel eingingen. So sagt Paulus: „Ich schäme mich nicht des Evangeliums“, weil es da offenbar etwas zu schämen gibt. Als es auf die Passion zugeht, verlassen die Anhänger Jesus. Und auch dem Mutigsten sagt er voraus: „Ich sage dir, noch ehe der Hahn kräht, wirst du mich dreimal verraten“.

Der Glaubensweg braucht Mut auch in „normalen“ Zeiten, wo es nicht gleich um die Passion geht. Denn da wird ein Glaube gefordert, den man nicht beweisen kann. Sich mit seinem ganzen Leben einer solchen Botschaft anzuvertrauen, das gleicht einem Gang über ein Seil ohne Netz. Und nur wer muss, geht diesen Weg. Und er bittet Gott, dass er ihm auch gleich beim Glauben helfe: „Ich glaube, hilf meinem Unglauben!“

Der zornige Gott und der liebe Gott
Was die Kirche aus der Tradition in ihre Verkündigung aufnimmt, ist beeinflusst von diesem Echo, das die Bibel findet. Hier gibt es ein Suchen, dort ein Zurückweisen. Nicht nur einzelne Menschen reagieren mit Zustimmung und Ablehnung auf die Bibel. Auch soziale Gruppen haben eine solche Geschichte von „Ja“ und „Nein“.

Für die einen spricht die Landeskirche zu wenig von „Gericht“ und „Wiederkunft Christi“. Den andern ist gerade das Reden von „Sünde“, „Opfertod“ und „Gericht“ zuwider. Die einen erkennen in der Verkündigung eine „Drohbotschaft“, die andern kritisieren gerade entgegengesetzt, dass der mächtige Gott des Alten Testaments zu einem „lieben Gott“ verniedlicht werde, der nicht mehr wirkmächtig in die Gesellschaft und Wirtschaft hineinreden könne.

Für die einen hat sich die Kirche ins „Lotterbett“ gelegt mit den einflussreichen Schichten. Sie sei kein „Gegenentwurf“ mehr gegen diese Welt und rede den Mächtigen nach dem Mund. Die andern verdächtigen die Kirche und ihre Verkündigung gerade für ihre Parteinahme für Witwen und Waisen und für die Benachteiligten.

Im Schatten des Zeitgeistes
Jede Zeit hat ihre Mode-Themen, und diese werden auch von der Kirche eingefordert. Anderes liegt im Schatten und gerät in Vergessenheit. Wenn aber der Zeitgeist umschlägt, geraten andere Überlieferungen ins Scheinwerferlicht. Oft sind es die Themen im Dunkeln, die die Zukunft prägen. Dort ist etwas zu lernen, was uns in der kommenden Zeit weiterhelfen wird. So wird das Evangelium in der Verkündigung immer wieder verkürzt oder gar „halbiert“. Aber es hat eine Kraft in sich, die neugierig macht, auch die andere Hälfte kennen zu lernen.

Aus einer Ausschreibung, 7. Januar 2012

 

Das Credo neu buchstabieren

Der Titel des Glaubenskurses im März mag erstaunen: Das halbierte Evangelium. Das Evangelium ist immer ganz, nie halb. Aber jeder Gottesdienst-Besucher hat schon erlebt, dass Lieder gesungen und einzelne Strophen ausgelassen werden. Mit ihrer Rede von „Sünde“, „Opfer“ oder „Gericht“ scheinen sie für Zeitgenossen nicht mehr zumutbar.

So gibt es auch Glaubens-Traditionen und biblische Texte, die in einer bestimmten Zeit kaum verkündigt werden. Aber wenn die Zeit sich wandelt, findet sich der Bibelleser vielleicht genau dort wieder. Und alte Texte werden neu entdeckt, wie es gegenwärtig mit den prophetischen Texten geschieht.

Der Glaubenskurs im März folgt verschiedenen kirchlichen Festzeiten wie Passion, Ostern, Auffahrt und Pfingsten. All diese Feste sind umstellt von Zweifeln und Anfragen.

Das beginnt schon bei der Passion: “Was ist das für eine brutale Religion, die ein Folterinstrument als Erkennungszeichen benutzt?“ Das Kreuz weckt Widerspruch seit Beginn des Christentums. „Was ist das für ein Gott, der seinen Sohn opfern muss, um die Welt mit sich selbst zu versöhnen?“ Die Rede vom Opfer ist uns fremd geworden. Wird der Tod Christi damit sinnlos? Wie kann seine Heilsbedeutung dann ausgesagt werden?

An Ostern hören die Fragen nicht auf. Sie spitzen sich eher noch zu. Dass Jesus stirbt, das zu begreifen fordert die Denkmöglichkeit unserer Kultur nicht heraus. Tod ist bekannt. Aber dass er auferweckt wird – da zeigt sich die ganze Verlegenheit einer Epoche, die den Gottesbegriff im Grunde entsorgt hat und Aussagen vom Ganzen, vom Heil und von einem letzten Gelingen nur noch als menschliche Abstraktionen behandeln kann, denen keine reale Wirklichkeit zukommt. Darum die Verlegenheit, mit der die Osterbotschaft oft verkündet wird.

Ähnlich ist es mit den Ereignissen um Auffahrt und Pfingsten. Hier gibt es nicht nur die alten Vorwürfe gegen die Mission und ihren Missbrauch im Kolonialismus. Es ist auch die Frage, wie verschiedene Weltreligionen, die jede einen absoluten Geltungsanspruch erheben, nebeneinander bestehen sollen. Davon hängt nicht nur die Verständigung ab mit fernen Kulturen, sondern auch das friedliche Zusammenleben mit Bevölkerungsgruppen im eigenen Land.

In den letzten Jahren gab es in all diesen Fragen Veränderungen. Ein anderes Klima ist aufgezogen, andere Fragen wurden wichtig, neue Wertungen kamen. Es lohnt sich, sich diesen Fragen wieder zu stellen. Sie sind herzlich eingeladen zum Glaubenskurs: Das „halbierte Evangelium“. Biblische Traditionen im Schatten des Zeitgeistes. (…)

Zweite Ausschreibung, 6. Februar 2012

 

Angriffe auf Kirche und Glaube

Gewöhnlich erlebt man sich als Kirchenmitarbeiter in dieser Zeit in der Defensive gegen alle möglichen Anklagen, die sich aus allem Schiefgelaufenen der ganzen Kirchengeschichte nähren. In einer bestimmten Optik ist es nur eine „Kriminalgeschichte des Christentums“.

Das macht auch vor der Theologie und der Bibel nicht Halt. Das gehört zur ganzen Emanzipationsgeschichte der weltlichen Kultur gegen Kirche und Obrigkeit seit der Neuzeit. Es sind die bekannten Vorwürfe, die im Einzelnen gar nicht mehr geprüft werden. Es gibt auch einen Dogmatismus in den unreflektierten Reaktionen, mit denen jede Erinnerung an Kirche oder Religion quittiert wird.

Schon das frühe Christentum wurde angegriffen. Die neue Bewegung traf in der Spätantike auf eine Kultur mit vielen konkurrierenden „Philosophen-Schulen“ (Stoa, Neuplatonismus etc.) Ein Beispiel ist die Polemik von Celsus gegen die Christen, die nicht einmal einen Weisen als Führer hätten, sondern einen Juden, der als Verbrecher am Kreuz hingerichtet wurde. So entstand als Reaktion die Apologetik, der Versuch, sich mit den Denkmitteln der umgebenden Kultur darzustellen, soweit das möglich war. Im Rückblick wurde geklagt, habe das Christentum dadurch viel Eigenes verloren, viel Fremdes aufgenommen. Immerhin konnte die Kirche sich so einen Platz erobern und behaupten, sie wurde salonfähig und später sogar zur Reichsreligion.

Die Apologetik ist der Anfang der Dogmatik: Das ist der Versuch, den Inhalt des Glaubens nicht im liturgischen Vollzug und im Nachgehen des Wegs darzustellen und mitzuteilen, sondern nach den Wahrheitsbegriffen und Erkenntnis-Verfahren der umgebenden Kultur. Wobei wieder die Frage auftaucht, ob eine „Weisheit des Weges“ anders erfahren und mitgeteilt werden kann als über das Gehen eines Weges.

Um es zu sehen und zu begreifen, was gemeint ist, muss ich mich selber auf den Weg machen. Dasselbe gilt für alle existentiellen Situationen. „Gibt es die Liebe?“ – So wohl nicht. Aber wenn ich vom Stuhl aufstehe und mich ins Leben hineingebe, dann geschieht Begegnung, dann gerate ich in eine Dynamik, die grösser ist als ich und alles, was ich will und steuern kann.

Dann begegne ich einem Stück vom Grösseren und Anderen. Und das hat mehr Realität als nur die, eine „existentielle Erfahrung“ zu sein. Es redet von einem Grossen und Ganzen, das sich als solches der Sprache nicht anbequemt. (Darum die Tradition der Verneinung und Übersteigung: Gott ist all das nicht und viel mehr, als was Sprache benennen kann. Aber das bleibt im Sprachspiel der Kultur und ist dem „Schnattern der Gänse“ fremd. Diese spüren den rechten Zeitpunkt und erheben sich zum Flug. Sie verständigen sich über den Flug, den Weg, sie gelangen ans Ziel. Und der Kulturmensch, wenn er an seinem Schreibtisch bleibt, nicht.)

Die Falle von Apologetik und Polemik
Zur Apologetik gehört die Polemik, die Abgrenzung gegen Bewegungen, die vom selben Punkt ausgehen, aber andere Richtungen einschlagen. (Die Erkennbarkeit des Ziels allerdings ist sehr eingeschränkt vom Pult aus.)

Mein Kurs folgt einem anderen Weg. Ich erlebe die Kirche, die Bibel, und alles was mir wichtig und heilig ist, immer wieder als angegriffen und oft auf billigste Weise „heruntergemacht“. Ich will aber nicht in die Falle der Apologetik trappen, auch nicht den Ball polemisch zurückgeben und nach den Schattenseiten der Angreifer fragen.

Mit dem Ansatz meines Kurses verlagere ich den Blick auf die Menschen selbst, die mir gegenübertreten, die mit ihrer Kritik immer schon eine implizite Auslegung verbinden.

Rezeptions-Ästhetik
In der Zeit meines Geschichtsstudiums in den 70er Jahren gab es in der Germanistik eine grosse Welle, eine neue Auslegemethode: die Rezeptions-Ästhetik. Der Blick wird verlagert vom Produzenten auf den Rezipienten: Was sind die Mechanismen bei ihm, bei seiner Wahrnehmung? Wo sind seine Filter, wo ist sein Ja und Nein? Wie färbt er den Inhalt bei der Wahrnehmung ein? Wie umkleidet er die Inhalte mit Mustern der Schuld-Zuweisung, der Verteidigung?

Kann es sein, dass Texte, Impulse auf diesem Weg gar nicht wahrgenommen werden im Sinn der Tradenten, sondern dass sie immer schon umgebogen werden, bevor sie auch nur zur Kenntnis gelangen – so dass es in der Wahrnehmung immer schon „Pfui-Themen“ sind, Dummheiten, Aberglauben, primitiv-archaische Relikte, fundamentalistische Abwehrreflexe auf den Fortschritt, etc.?

Widerstand
Warum wird das Evangelium halbiert? Die Faktoren liegen auf ganz verschiedenen Ebenen. Sie finden sich schon in der Passionsgeschichte des Markus:

Da ist Scham gegenüber dem Zeitgeist und seinem Wahrheits-Bewusstsein. Das ist ein ganz anderer Weg: unten sein, klein sein, das Verlierer-Image tragen.

Da ist Angst – Der prophetische Einspruch gegen Einflussreiche, die Konfrontation mit Mächtigen lösen Angst aus.

Da ist Unglaube: Es ist zu unglaublich, in jeder Welt-Anschauung, dass der Tote aufersteht, dass der Verachtete und Ausgeschlossene wieder aufgenommen wird.

Es gibt Verstummen – „Nach Ausschwitz ist es unmöglich, von Gott zu reden.“

Es gibt den Maulkorb – Das ist die Rolle der Kirche in der Moderne. (Die Geschichte hat die Kirche gebändigt und in ein Futteral gesteckt. Wer etwas sagt, was nicht dazu passt, wird abgelehnt, überhört, gemassregelt, klein gemacht. Wer etwas sagt, was der Rolle entspricht, wird als Rollenträger respektiert, gerade darum aber verachtet, weil er nur noch bellt, wie man ihm beigebracht hat.)

So kommt es zu einer selektiven Wahrnehmung der Überlieferung. Heute gibt es aber viele Anstösse, warum die Tradition neu befragt werden muss. Es gibt ein neues Interesse an untergegangenen Traditionen.

Anstösse für ein neues Hinsehen
Der Anstoss heute für ein neues Nachfragen, für ein neues Buchstabieren der Elemente kommt aus der grossen Verunsicherung von Banken-Krise, Euro-Krise, Währungs-Krise, Schulden-Krise. Und es geht weiter zu „Austerität oder Solidarität“, zu sozialen Protesten und Gewaltszenen. Es geht um Sozialabbau, um das Ausdünnen des Mittelstandes, um den Verlust der sozialen Basis für Demokratie und Bildung. Das geht heute bis zu einer Institutionen-Krise und zur Frage, ob das europäische Projekt weiterentwickelt wird oder auseinanderfällt.

11.Februar 2012

 

Domestizierung der Kirche

Kirche und Christentum stehen immer wieder in der Kritik, oft zu Recht, man muss die Arbeit immer überprüfen. Anderes betrifft die Botschaft selbst, wenn z.B. das Kreuz angegriffen wird, oder die Vorstellungen von Sünde, Sühne, vom stellvertretendem Tod Christi oder von Auferstehung.

Die Filter der Verkündigung
„Halbiertes Evangelium“ – Es gibt verschiedene Motive für das, was die Kirche sagt oder nicht sagt, verschiedene Filter für das, was ein Pfarrer verkündigt oder nicht verkündigt. Ein Filter ist auch die Stellung der Kirche in der Gesellschaft.

Das ist ja das Resultat eines langen historischen Prozesses. Seit der Antike gibt es Auseinandersetzung zwischen den Machtträgern um die Definitionsmacht im religiösen und sozialen Bereich. Das geht von der Einheit der religiösen und weltlichen Macht im antiken „Cäsaro-Papismus“ bis zum Streit zwischen Kaiser und Papst im Mittelalter.

Domestizierung der Kirche
In unserer Zeit ist die Kirche domestiziert. Die Grundfragen des politischen und gesellschaftlichen Zusammenlebens sind „säkularisiert“, sie sind dem Zugriff der religiösen Instanzen entzogen.

(Und es wird als Störung empfunden, wenn Immigranten aus anderen Kulturen naiv glauben, das ganze Leben von ihrem Glauben her gestalten zu können. Vor dem Hintergrund unserer Geschichte wirken sie auf uns fundamentalistisch und nicht angepasst. Wir haben vergessen, dass die Katholische Kirche noch im 19. Jh. die ganze moderne Kultur abgelehnt hat in einem Kulturkampf. (1864 veröffentlichte Pius IX den Syllabus Errorum», eine Auflistung von 80 „Irrtümern“ der Moderne in Politik, Kultur und Wissenschaft.))

Rollenprosa
Diese Stellung der Kirche in der modernen Gesellschaft und Kultur führt zu einem „lustigen Phänomen“: Was kirchliche Amtsträger sagen können, ist weitgehend normiert. Es gibt enge Toleranzgrenzen für ihre Äusserungen.

So entdeckt ein Pfarrer, je länger er im Amt ist, je länger er sozialisiert ist in diesem Amt, dass er eigentlich nur noch Rollenprosa absondert. Wenn er nicht anecken will sagt er, was erwartet wird, was der Rolle der Kirche und der Pfarrer in der Gesellschaft entspricht.

Entspricht er der Rollenerwartung, so wird das honoriert. Widerspricht er der Erwartung, wird es sanktioniert.

Die Belohnung für ein Entsprechen ist eine Art von gleichgültiger Akzeptanz. Sie ist gemischt mit Geringschätzung. Denn der Pfarrer sagt ja nur, was von ihm erwartet wird und was der Stellung der Kirche in der Gesellschaft entspricht. Das kennt man schon, bevor er den Mund aufmacht.
Weicht er ab von dem, was erwartet und toleriert wird, so wird er sanktioniert. Das geht vom Nicht-Beachten, Ignorieren bis zum Lächerlich-Machen, an den Rand stellen, Skandalisieren…

Der Narr des Evangeliums
(Den Narren zu machen ist eine Form, die Rolle zu übernehmen und ihr zugleich zu widersprechen. Das Problem ist, dass ein grosser Teil von Behörde und Mitarbeiterschaft die gesellschaftliche Position einnimmt und die Rolle des komischen Kauzes, der nicht in die Zeit hineinpasst, auf die Pfarrpersonen abwälzt. Von diesen wollen auch immer weniger als Trottel dastehen.)

Das ist keine Erfindung unserer Zeit. In diesem Spannungsfeld standen religiöse Instanzen schon immer. (Spannend sind die Auseinandersetzungen im Alten Testament zwischen den Propheten und den Heilspropheten. Die waren angestellt am Hof oder an einem Kult-Ort. Sie gaben Orakel und erfüllten die Erwartungen der Kundschaft.)

Opportune – importune
Ich möchte zum Schluss zwei Stellen aus der Bibel zitieren. Sie ist letztlich die verpflichtende Basis der kirchlichen Verkündigung. Auf sie legt eine Pfarrperson das Amts-Versprechen ab. Die erste Stelle ist aus Jeremia 23. Da sagt Gott:

„Ich höre es wohl, was die Propheten predigen und falsch weissagen in meinem Namen und sprechen: Mir hat geträumt, mir hat geträumt. Wann wollen doch die Propheten aufhören, die falsch weissagen und ihres Herzens Trügerei weissagen und wollen, dass mein Volk meinen Namen vergesse? Ein Prophet, der Träume hat, der erzähle Träume; wer aber mein Wort hat, der predige mein Wort recht. Wie reimen sich Stroh und Weizen zusammen? spricht der HERR. Ist mein Wort nicht wie Feuer, spricht der HERR, und wie ein Hammer, der Felsen zerschmettert?“

Und der Apostel Paulus schreibt im Brief an Timotheus:

„So ermahne ich dich inständig vor Gott und Jesus Christus, der da kommen wird zu richten die Lebenden und die Toten: Predige das Wort, steh dazu, es sei zur Zeit oder zur Unzeit; weise zurecht, drohe, ermahne mit aller Geduld und Lehre. Denn es wird eine Zeit kommen, da sie die heilsame Lehre nicht ertragen werden. Sondern sie werden sich nach ihren eigenen Gelüsten selbst Lehrer aufladen, nach denen ihnen die Ohren jucken. Sie werden die Ohren von der Wahrheit abwenden und sich den Fabeln zukehren. Du aber sei nüchtern in allen Dingen, leide willig, tu das Werk eines Predigers des Evangeliums, und richte dein Amt redlich aus.“ (2. Tim 4,2)

„Predige zur Zeit oder Unzeit“, auf Latein heisst das: „opportune – importune“. Richte die Botschaft aus, ob es opportun ist oder nicht!

(Das opportune-importune hat sich mir besonders eingeprägt durch Peter Walss, den «Chilenen-Pfarrer», der bekannt wurde durch die Aufnahme von chilenischen Flüchtlingen in der Kirchgemeinde Seebach Mitte der 80er Jahre. Er wurde für sein Engagement heftig angegriffen, in und ausserhalb der Kirche. Er ist später an Krebs gestorben und hat seine Eindrücke in Psalm-Gedichten verarbeitet, „Gebete auf dem Rücken liegend“. Bei einer Pressekonferenz in dieser Zeit – ich arbeitete damals als Journalist – hat er sich auf diese Stelle 2. Tim 4,2 berufen. Für mich ist er ein Glaubenszeuge in unserer Zeit.)

Aus einem Referat vor der Kirchen-Behörde, 7. März 2012

 

Kirchenregiment im liberalen Zürich

Zürich war damals keine provinzielle Ecke in Europa, sondern stand an vorderster Front der wirtschaftlichen, sozialen und politischen Entwicklung. Was hier geschah, fand damals weite Beachtung. Der Liberalismus fand in Zürich eine Heimstätte, als in Europa noch Restauration und Reaktion das Feld beherrschten. Der Versuch, die Kirche dem liberalen Zeitgeist zu unterwerfen, fand weitherum Beachtung und das Wort „Putsch“ ging von Zürich aus in die deutsche Sprache ein. – Auslöser war eine Revolte der Untertanenbevölkerung gegen das liberale Kirchenregime.

Der Staats-Theologe und der Putsch der Landschaft
Das 19. Jh. ist noch einmal eine Zeit intensiver Auseinandersetzung mit Religion, weil diese v.a. in der Landschaft, bei den ehemaligen Untertanen, noch lebendig war und zur Legitimierung von Forderungen herangezogen wurde.

Die liberale Obrigkeit kontrollierte Kirche und Religion. Sie säkularisierte Kirche und Schule und verstaatlichte den Klosterbesitz. Um Kirche und Glaube in ihrem Sinn zu formen, berief sie den Hegel-Schüler David Friedrich Strauss auf den neugeschaffenen theologischen Lehrstuhl, was eine Revolte der Landschaft auslöste, die das Wort „Putsch“ in der deutschen Sprache verankerte.

Das Armen-Evangelium im Gefängnis
Einige Jahre später besuchte der Schneidergeselle und Frühsozialist Wilhelm Weitling Zürich. Auch er fasste ein «Evangelium» ab für die Bedürfnisse der Zeit, diesmal aber nicht im Sinn der liberalen, sondern der sozialen Forderungen.

Während Strauss zum Professor der theologischen Lehranstalt berufen worden war (und unter dem Protest der Landschaft zurücktreten musste, bevor er sein Amt antreten konnte), wurde Weitling inhaftiert und aus der Stadt ausgeschafft. Die Arbeiterbewegung hat ihm mit einem Strassennamen bei einer Baugenossenschaft ein ehrendes Andenken in Zürich verschafft.

Der eine leitet vom Reich Gottes Forderungen ab für die Gestaltung der gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Verhältnisse. Der andere „erklärt“ Jesus philosophisch und hebt so seine religiöse und soziale Brisanz auf. Hier versucht ein Vertreter des Handwerksburschen-Sozialismus Christus als Helfer der Armen zu denken, dort übernimmt eine liberale Obrigkeit die Verwaltung von Theologie und Kirche und passt sie den neuen politischen Gegebenheiten an.

Es geht also nicht nur um das rechte Verständnis des Christentums, es geht viel mehr noch um die Verwendung religiöser Kategorien für soziale und politische Forderungen. Solche waren schon in der Reformationszeit vorgebracht worden, bis zur Konfrontation in den Bauernkriegen.

Das Entstehen einer Arbeiterschaft im 19. Jh. gab noch einmal Anlass für ein Ernstnehmen der Bibel in den sozialen Auseinandersetzungen, bis weltanschauliche Ideologien das Feld übernahmen. Auf den christlichen Schwärmer Weitling folgte der Systematiker Marx, der aus Hegels System einen «wissenschaftlichen Sozialismus» ableitete.

Wurde das Evangelium «halbiert»? Es gerät zwischen die Fronten der sozialen und politischen Auseinandersetzungen. Es hilft, die eigene Situation zu verstehen und dient für die Legitimation von Forderungen. Das kann auch zynisch erfolgen, wenn also keine innere Bindung an die biblische Begründung besteht, wenn nur ihre soziale Bedeutung für eigene Zwecke eingesetzt wird. In diesem Sinn haben politisch dominierende Gewalten immer auch die Deutungshoheit über Religion und Kirche beansprucht und durchgesetzt.

9.März 2012

 

Das Ende der Ironie

Alle Welt spricht Rollen-Prosa. Alle reden uneigentlich. Man hat es verinnerlicht, dass alles, was aus dem Radio kommt, nicht so gemeint ist: die Werbung in der Wirtschaft, die Werbung in der Politik, die Event-Werbung. Dazu gehört die Rollenprosa in der Kirche.

Ich muss wieder lernen, eigentlich zu reden. Wenn ich Nachrichten schaue, gibt es eine Sorte von Nachrichten, die den Stempel der Wahrhaftigkeit an sich tragen: dort wo Menschen von einer Katastrophe betroffen sind. Da fällt die Rolle, die Distanz, das Tun-Als-ob ab.

Für mich kommt noch etwas dazu: Ich kann die ironische Distanz aufheben. Mit der Ironie versuchte ich, zwei Dinge zu verbinden: das Festhalten an etwas, das mir wichtig ist, und das Wissen, dass es in der umgebenden Gesellschaft keinen Wert hat. So sprach auch ich uneigentlich vom Glauben. So redet ein verbitterter alter Mann, der seiner Wahrheit nicht mehr zutraut, dass sie die Mehrheit erobern kann. Der es sich in seiner Nische recht macht.

17.März 2012

 

Weltbilder von Staats wegen

Die Zeit, als Europa kolonisatorisch auf die ganze Welt ausgriff, war getragen von einer universellen Wahrheitsbehauptung, was sich in der Mission der unterworfenen Gebiete abzeichnete. Eine säkularisierte Version ist die Unterwerfung von ganz Europa unter das napoleonische Frankreich. Es war getragen von der Behauptung, „allen Völkern das Licht der Aufklärung“ zu bringen und sie an den Errungenschaften der Französischen Revolution teilhaben zu lassen.

Die Gegenwehr in Deutschland, die preussischen Befreiungskriege, gingen darum einher mit einer relativierenden Gegenerzählung: Jede Epoche, jedes Volk, jedes Land sei unmittelbar zu Gott und habe einen je eigenen Geist, der eine Individualität darstelle.

So war auch die Entkolonisierung nach dem 2. WK getragen von einem Geist der Relativierung. Die Moderne, die in der Globalisierung ein einheitliches Modell über alle Kulturkreise gespannt hatte, wurde abgelöst von einer Post-Moderne, die anstelle der universalistischen Behauptung eine relativierende Zurückweisung setzte.

Diesem Wechselbad von universalistischen Wahrheitsbehauptungen und relativierenden Auflösungen ist auch das religiöse Denken unterworfen. Es erfasst auch die Gläubigen in den Heimatländern, die gar nichts im Sinn haben mit Kolonien oder globalen Interessen. Ihnen wird das Glauben schwer gemacht. Dagegen hilft die Einsicht in dieses historische Schaukelspiel. Es ist interessegeleitet:

Jeder Ausgriff auf andere Kulturen ist begleitet von universalistischen Wahrheits-Behauptungen, jede Abwehr von solchen Übergriffen sucht Hilfe in Positionen, die die „Wahrheit“ relativieren oder die Erkennbarkeit skeptizistisch zurückweisen.

Der Skeptizismus ist die „Waffe des kleinen Mannes“. Das Christentum hat sich in der Kulturgeschichte oft dieser Waffe bedient, wenn es von Seiten der Philosophie bedrängt wurde. Das verhinderte leider nicht, dass es selber wieder universalistische Ansprüche bediente, wenn es sich im Vorteil sah.

26.März 2012

 

Worum ging es in dem Kurs?

 Welche Kräfte und Motive bewirken eine «Halbierung der Verkündigung»?

Widerstände
Es war eine Auswahl von Themen, die es heute erschweren, die biblischen und kirchlichen Glaubens-Traditionen nachzusprechen: weil das Weltbild sich geändert hat („Christus-Mythos“) oder weil die Wirkungs-Geschichte Schatten auf eine Tradition legte („Opfer“, „Kreuz“, Mission).

Anderes ist ein Streitpunkt zwischen verschiedenen Strömungen, die eher das Beharrende vertreten (Grosskirche) oder die befreienden Tendenzen (wie Befreiungstheologie, Religiöser Sozialismus, Feministische Theologie).

Oder es sind Positionen, die sich in der Kirchengeschichte schon in verschiedene Organisationsformen auseinander gelegt haben (Landes-Kirchen, Freikirchen mit ihren je anderen Schwerpunkten).

Anderes hat Widerstände aufgegriffen, die aus der Spiritualität selber kommen (der Nachfolgeruf oder die Aufforderung, sein Kreuz auf sich zu nehmen).

Neue Interessen in dieser Zeit
Schliesslich gibt es den Wandel des Zeitgeistes, der bisher Unterdrücktes neu ins Licht rückt (das prophetische Einstehen für Gerechtigkeit, nicht auf der Ebene der Individual-Moral, sondern als Forderung der sozial-ökonomischen Gestaltung des Zusammenlebens).

Mein Interesse
Für mich wichtig war das biographische Element: Ich wollte, und sei es erst vor der Pensionierung, wenigstens einmal das machen, für das ich Pfarrer geworden bin, gegen die Übermacht der Forderungen, die dem Träger der Pfarrer-Rolle übergestülpt werden.  Es war anstrengend bis zur Erschöpfung, aber auch befriedigend, weil ich dem folgte, wo ich Notwendigkeit verspürte.

3o.März 2012

 

Der Leidenschaftliche Gott

Eine kraftvolle Sprache hatten die Menschen früher, um von Gott zu reden. Unsere Sprache heute wirkt seltsam blass dagegen. Farblos und unbeteiligt, wenn wir an all das denken, was in der Welt geschieht. Ist das Gott egal, wenn Menschen ausgenützt werden, wenn sie Haus und Stelle verlieren? Wenn sie fliehen müssen und nichts retten als das nackte Leben? – Ist es ihm egal, wenn Tiere aussterben, Pflanzen ausgerottet werden, die Gestalt der Erde verödet?

„So spricht Gott, der Herr – mit glühender Leidenschaft will ich reden!“ (Ez 36,5)
Das kündigt Gott beim Propheten Ezechiel an. Sein Zorn ist erregt, er sieht, wie Unrecht geschieht und will einschreiten. –

In der Bibel begegnet uns immer wieder ein Gott voller Gefühle und Leidenschaft. Das ist ungewohnt für uns und wirkt seltsam. Unserer Gottesdienste fliessen in einem ruhigen Gleichmass dahin. Ein Gott, der zornig wird, das erscheint uns urtümlich und primitiv. Gott, wie wir ihn uns vorstellen, hat keine Gefühle. Und wir müssen uns erst sagen lassen, dass das zur alttestamentlichen Vorstellung von einem König gehört: ein König muss das Recht wahren in seinem Land. Wenn er Unrecht sieht, wird er zornig. Und das wird von ihm erwartet. Denn dann greift er ein. Das hat den Menschen in der Bibel geholfen. Wenn sie sahen, dass Gott zornig wurde, dann wussten sie, dass einer da ist und sieht. Sie sind nicht allein. Da ist einer, der helfen kann, und er ist der Sache gewachsen.

Die Sprache
Eine kraftvolle Sprache hatten die Menschen früher, um von Gott zu reden. Unsere Sprache heute wirkt seltsam blass dagegen. Farblos und unbeteiligt, wenn wir an all das denken, was in der Welt geschieht. Ist das Gott egal, wenn Menschen ausgenützt werden, wenn sie Haus und Stelle verlieren? Wenn sie fliehen müssen und nichts retten als das nackte Leben? – Ist es ihm egal, wenn Tiere aussterben, Pflanzen ausgerottet werden, die Gestalt der Erde verödet? –

Aber sollen wir so von Gott reden, dass er sich in alles einmischt und politisch Partei ergreift? Im Islam gibt es Prediger, die das Volk aufhetzen. Das ist sicher kein Weg. Von Gott zu reden, als ob ihn alles nichts anginge, was auf der Welt geschieht, kann uns aber auch nicht helfen. Ein gutes Beispiel von Gott zu reden und dabei die Sorgen ernst zu nehmen, das finden wir im ersten Testament bei den Propheten.

Wer die Bibel liest, dem fallen die Propheten zuerst gar nicht auf. Die Bibel beginnt mit langen Erzählungen, und darin eingebettet tauchen einige Propheten auf. Im 19. Jh. hat die Bibel-Forschung entdeckt, dass die Propheten älter sind als die Erzählungen. Sie sind ursprünglicher. Das hat damals eine eigentliche Propheten-Begeisterung ausgelöst.

Wie aus dem Nichts scheinen sie aufzutauchen, diese Propheten. Als das Land leidet unter Ungerechtigkeit, als die Not gross ist in der Bevölkerung, da treten sie auf und sie verkündeten Gottes Wort. Sie scheuen den Konflikt nicht mit Autoritäten. Sie stehen ein für das Recht, unerschrocken und bereit, auch die Ablehnung und Verfolgung zu tragen, die mit dieser Aufgabe verbunden ist.

So etwas, dachte man, müsste man auch heute wiederhaben. Und die Dichter damals, liessen sich anstecken. Sie wollten auch Propheten sein und das Wort verkünden, so dass sich unter ihrem Wort die Welt verändert.

Die Welt verändern durch eine Predigt – das ist viel verlangt. Was wir brauchen, was wir suchen, ist eine kräftige Verkündigung, eine Sprache, die das aufnimmt, was die Menschen heute bewegt. Gesucht ist das Bild eines Gottes, der den Dingen gewachsen ist. Und der nicht abseitssteht.

Abseitsstehen ist nicht gern gesehen in der Bibel. Das ist das, was Gott den Menschen vorwirft im Neuen Testament: dass sie abseitsstehen. „Ihr sagt, ihr seid reich und habt alles. Ihr braucht nichts. Ihr seid weder kalt noch warm. Ach dass ich doch warm wäret. Ihr seid lau, und ich will euch ausspucken aus meinem Mund, spricht Gott!“  So heisst es in der Offenbarung über die Gemeinde von Laodizea. (1,14ff)

Wir sehen: eine leidenschaftliche Sprache ist gewöhnungs-bedürftig! Wenn die Kirche sie nicht mehr sprechen kann, wandert sie aus. Viele wichtige Dinge werden heute ausserhalb der Religion zur Sprache gebracht. Die Menschen sehen keinen Grund mehr, in der Kirche zu bleiben. Denn dort finden sie ihre Anliegen nicht.

In der Kirche hören sie immer von einem Gott, der lieb und zufrieden ist. Im ersten Testament tönt das anders: „Ist mein Wort nicht wie ein Feuer, spricht der Herr, und wie ein Hammer, der Felsen zerschmettert? (Jeremia 23, 29) Da ist ein leidenschaftlicher Gott, der Anteil nimmt an der Welt!

Die Sache
Eine leidenschaftliche Sprache ist das! Warum haben wir sie verloren?

Es ist nicht nur das Gottes-Bild: dass wir uns einen Gott mit Gefühlen nicht mehr vorstellen mögen. Es ist auch die Sache, um die es da geht.

Im ersten Testament geht es um das Engagement für ein ganzes Volk. Bei uns ist der Glauben privatisiert. Darum wirft das erste Testament den Blick auf das ganze Dasein der Menschen: wie sie leben, wie die Gesellschaft sich verändert, wer abgehängt wird von der Entwicklung. Und diese Menschen werden von der Gemeinschaft nicht aufgegeben, auch wenn sie aus dem System fallen.

Bei uns ist das Glaubensleben verengt auf den einzelnen und seine Psyche. Wenn man das Programm der kirchlichen Bildungshäuser anschaut, dann findet man da Wellness, Psyche, Spiritualität, aber kaum ein soziales Thema. Das ist ausgewandert aus der Kirche (und mit ihnen die Menschen, die sich dafür interessieren).

Das war nicht immer so. In den 30er Jahren erhob sich die Bekennende Kirche gegen Nationalsozialismus. Und in den 80er Jahren protestierte die Weltkirche gegen die Politik der Rassentrennung in Südafrika. Der Reformierte Weltbund erklärte, ein solches Regime sei nicht vereinbar mit dem christlichen Glauben, mit der christlichen Überzeugung von der Würde jedes Menschen. (1982 wurde der „status confessionis“ ausgerufen).

Wie sollen wir das wieder lernen: ein Interesse für Fragen der ganzen Gemeinschaft?

Wir sind nicht mehr ein Volk wie im Alten Testament, das hinter Moses aus der Wüste auswandert und den Weg in ein gelobtes Land sucht. – Aber wir sind ein Volk wie im Neuen Testament, das hinter Jesus Christus aus der Wüste auswandert und den Weg ins Reich Gottes sucht. Auch die Kirche versteht sich als Gottesvolk. Und dieses lebt nicht nur im Einzelnen und in seiner Seele. Es lebt real in dieser Welt.

Aber wer ist die „Kirche“? Wer ist das Volk, das uns angeht? –

Das ist dein Nächster, sagt die Bibel: Und Christus erzählt die Geschichte vom barmherzigen Samariter. Wenn einer in Not fällt, musst du nicht überlegen, ob er jetzt zu Dir gehört oder nicht, ob er dein Nächster ist. Christus kehrt die Frage um: hilft ihm, dann bist du für ihn der Nächste! (Lk 10,25ff)

So lebt die Kirche als Volk im realen Volk. Die Kirche hat keine äusseren Grenzen, keine Beschränkung nach Alter, Geschlecht oder Herkommen. Sie ist aber auch kein Phantasiegebilde. Sie lebt ganz real in realen Menschen. Mit ihnen hat sich Christus identifiziert, wenn er sagt: «Was du einem dieser meiner geringsten Brüder getan hast, das hast du mir getan.» (Mt 25)

Wenn wir uns öffnen für konkrete Menschen und ihre konkreten Sorgen, dann kommt auch die Leidenschaft zurück, die wir in der heutigen Kirche vermissen. Dann finden wir auch eine starke Verkündigung. Es wird vielleicht nicht jene Predigt, „unter der sich die Welt verändert“. Aber sie hilft, den Glauben wieder neu verstehen.

Dann finden wir wieder einen Gott, der den Dingen gewachsen ist:

Weil wir unsere konkreten Sorgen zu ihm bringen,

Weil wir ihn für kompetent halten,

Weil wir auf seine Antwort hören, die er uns gibt, auch im sozialen und wirtschaftlichen Zusammenleben,

Weil wir uns anstecken lassen von unserem Glauben und unser Verhalten danach ausrichten.

So sagt Gott im ersten Testament: „Hütet euch, dass ihr den Bund des Herrn, eures Gottes, nicht vergesst. …Denn der Herr, dein Gott, ist ein verzehrendes Feuer und ein eifernder Gott. Wenn du aber den Herrn, deinen Gott, suchst, so wirst du ihn finden. Denn der Herr, dein Gott, ist ein barmherziger Gott; er wird dich nicht verlassen noch verderben.“ Amen (Dtn 5,23 ff)

15.Oktober 2012

 

Die Texte aus dem Kurs „Das halbierte Evangelium“ sind zu einem Buch zusammengefasst und  zum Herunterladen auf diesen Blog gestellt.

Foto von Jeffrey Czum, Pexels

Das Christentum wird oft geschmäht, weil Gott hier «seinen Sohn geopfert» habe. Dabei ist das Christentum der denkbar grösste Gegensatz zur heutigen Opfer-Kultur. Das wird deutlich gerade in der Passionszeit mit ihrer Aufforderung, Christus «nachzufolgen» und «das Kreuz auf sich» zu nehmen. Hier wird die Verantwortung für das eigene Leben auf die Spitze getrieben und umfasst auch Momente der Fremdbestimmung, die aber doch in die eigene Verantwortung übernommen werden. Weiterlesen

Das Leben als Weg betrachten heisst: es als Aufgabe annehmen und auf ein Ziel hinsteuern. Das ändert das Gesicht von allem, was uns begegnet, es ist dann nichts mehr, was uns einfach widerfährt, es ist eine Aufgabe, es erhält eine Bedeutung von dem Ziel her, zu dem wir unterwegs sind. Weiterlesen