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Auch im Glauben gibt es Modeströmungen. Auch in der kirchlichen Verkündigung gibt es Themen, die im Vordergrund stehen und Traditionen, die eher unbeachtet bleiben. Wenn aber der Zeitgeist umschlägt, geraten andere Überlieferungen ins Scheinwerferlicht.

Oft sind es die Themen im Dunkeln, die die Zukunft prägen. Dort ist etwas zu lernen, was uns in der kommenden Zeit weiterhelfen wird. So wird das Evangelium in der Verkündigung immer wieder verkürzt oder gar „halbiert“. Aber es hat eine Kraft in sich, die neugierig macht, auch die andere Hälfte kennen zu lernen.

 

2012 habe ich einen Kurs gehalten zum Thema «Das halbierte Evangelium, Traditionen im Schatten des Zeitgeistes.» Auf der Menüleiste finden Sie ein Streiflicht zu diesem Thema.

Foto von Giovanni Calia von Pexels

Für eine Ausstellung wurde die alte Kanzel in der Kirche wieder aufgestellt. Gewöhnlich wird hier aber von unten gepredigt. Hat das was zu bedeuten: ob in der Kirche «von unten» oder «von oben» gepredigt wird? Weiterlesen

Es geht nicht nur um den Stand von Theologie und Kirche heute in der Gesellschaft, ob ihre Vertreter unter den Honoratioren sitzen dürfen und ob die Theologie an staatlichen Fakultäten gelehrt wird. Weiterlesen

Die Geschichtswissenschaft wird vom Staat manchmal in Dienst genommen, v.a. in Krisen, wenn Verbrechen aus der Vergangenheit ans Licht kommen, wenn kollektive Traumata berührt werden, die das Potential haben, Politik und Gesellschaft nachhaltig zu verstören. Dann setzt der Staat gern Historiker-Kommissionen ein, die das untersuchen und Leidensbestände in der Gesellschaft «aufarbeiten» sollen. Weiterlesen

Der Philosoph Jürgen Habermas wird in der Kirche gern gelesen. Er vertritt eine moderne Welt in der Phase des «nachmetaphysischen Denkens» und spricht doch voller Anerkennung von Religion und Kirche. «Säkulare Sprachen, die das, was einmal gemeint war, bloss eliminieren, hinterlassen Irritationen», sagt er in seiner Dankesrede zur Überreichung des deutschen Friedenspreises 2001. Weiterlesen

Junge Menschen schrecken vor einem Friedhof zurück. Älteren kann es zu einem Bedürfnis werden, immer wieder dort einzukehren. Hier ist das, was weh macht. Hier findet sich Ruhe und Versöhnung. Hier kann man anvertrauen und übergeben. Weiterlesen

Ein Kind taufen in einer Welt voll ökologischer Ängste?

Wir werden aufgeschreckt durch Meldungen über Umweltkatastrophen: die Wald-Brände in Russland und die Überschwemmungen in Pakistan und in anderen Ländern. In Pakistan sind 15 Millionen Menschen betroffen. Es heisst, es sei „die schlimmste Überflutung“, die es in diesem Land je gegeben. (TA 10.8.2010) Weiterlesen

Religion hat eine schlechte Presse. In der Philosophie ist sie schon lange verabschiedet. Das ist eigentlich erstaunlich, weil sich diese Welt rasant einem Zustand annähert, wo immer mehr Subsysteme auf einen Kollaps zuzusteuern scheinen. Weiterlesen

«Hingabe» ist ein zentrales Ziel in allen Weltreligionen und ein «Klassiker» der religiösen Kultur. Dennoch klingt das Wort heute unvertraut und wie «von gestern». Mit dem Bedeutungsverlust der Religion ist es aus dem öffentlichen Sprachschatz verschwunden. Es feiert aber ein Nachleben in Gestalt von säkularen Haltungen, die eine Verpflichtung, Identifikation oder Bindung beschreiben. So wird in der Unternehmens-Kultur, in der Zivilgesellschaft oder in der Politik oft «commitment» eingefordert.

Dieses Buch befasst sich mit Religion, dennoch hilft der Blick auf die politische Nachgeschichte dieses Begriffs beim Verständnis des seltsamen Titels: «Hingabe-Verbot». Denn wieso sollte Hingabe verboten sein, wo sie in der Bibel doch explizit geboten wird?

Hingabe hat eine Antwort-Struktur, sie bildet als Haltung der Treue, Opfer-Bereitschaft und Gefolgschaft ein Begriffspaar mit «Führung» und «Herrschaft». Das Verhältnis ist asymmetrisch. In der Religion ist es unbedenklich, wenn jemand sich von Gott «führen» lassen möchte und um ein «hörendes Herz» betet, damit er besser auf die Menschen zugehen kann. In der Politik ist «Führung» seit den 30er Jahren aber ein Unwort. Und von «Gefolgschaft» mag niemand mehr sprechen. Wer es dennoch tut und Fahnenaufmärsche zelebriert, wird als rechtsextrem identifiziert und vom Verfassungsschutz beobachtet.

Auch heute findet sich in der Politik Anschauungsunterricht für Führung und Gefolgschaft. Und nicht immer ist es der «Führer», der auf diesem Weg vorangeht, auch wenn die Medien sich auf diese Gestalt einschiessen. Ist es nicht umgekehrt der Wunsch nach Hingabe und Gefolgschaft, der solche Gestalten wie Trump oder Salvini immer wieder auf die politische Bühne ruft? Wie in den 30er Jahren gibt es heute kaum ein Land, das solche Führergestalten nicht hervorbrächte. Weil sie oft ins Clowneske abdriften, nimmt man sie nicht ernst. Dass da eine Basis ist, die nach Hingabe und Gefolgschaft drängt, müsste aber Sorge bereiten.

Auch im religiösen Bereich gibt es Gründe, dem Wunsch nach Hingabe zu misstrauen. Es kann eine grosse Sehnsucht sein, der sich durch ein ganzes Leben zieht. Und doch möchte eine Haltung, die auf «Seelen-Hygiene» achtet, sie manchmal lieber verbieten. Die Sehnsucht will allzu schnell ans Ziel und lässt Zwischenschritte aus. Man möchte Zeit und Raum schaffen für weitere Erfahrungen, für Erprobungen. Das «Selbst», das so schnell in «Selbstlosigkeit» hingegeben werden soll, muss manchmal erst gefunden werden, bevor es weggeschenkt werden kann – und bevor eine solche Haltung überhaupt Sinn macht und das Leben stärkt. Die Autonomie müsste erst gestärkt werden, bevor sie geopfert wird. Nur das «reife» Individuum kann sich wirklich «hingeben», vorher ist es eine Verführung zur Flucht, eine Suche nach Abkürzungen, die es nicht geben kann.

Das ist keine moralische Frage, eher eine Frage der Verletzungs-Geschichte und wie sehr es einem Menschen schon gelungen ist, Verantwortung zu übernehmen für sein Leben auch in den dunklen Teilen, die er nicht gestaltet, sondern erlitten hat. Und das heisst dann annehmen, vergeben, sich auch negative Merkmale zurechnen und damit umgehen können, ohne sie auf andere zu richten. (Denn das erzeugt eine problematische Dynamik im Umgang mit Menschen, sei es privat oder in der Politik.)

Dunkle Abenteuer sind auch in der Politik abzusehen, jetzt wo sich ökologische Krisen, ökonomische Problemlagen und politische Konflikte verschärfen. In beiden Feldern, Politik wie Religion, braucht es vielleicht kein Hingabe-Verbot, aber eine wirkliche Wertschätzung der Hingabe, welche diese vor einem Abgleiten in blosse Gefolgschaft bewahrt. Denn nüchtern wahrgenommen (vielleicht muss man sich Hingabe erst verbieten, wie ein Alkoholiker das Hochprozentige meidet, bevor man ihm gewachsen ist), mit der ganzen Aufmerksamkeit und Wachheit, die sie erfordert, ist Hingabe vielleicht die Krone eines religiös angeleiteten Lebensweges.

Darum heisst dieses Buch zwar «Das Hingabe-Verbot», aber es sucht nach einem Weg zu einer erlaubten Hingabe, einer Haltung, die die Gesellschaft und Politik nicht mit unstatthaften Asymmetrien belastet, sondern zum Frieden beiträgt – in der Psyche der einzelnen Menschen und im Zusammenleben.

 

Aus dem Vorwort zu «Das Hingabe-Verbot», Notizen 2010.
Foto: pexel

Das sonnige Wetter über Pfingsten hat viele hinaus gelockt. Die Wälder und Felder sind eine Pracht. Von einer Anhöhe aus sieht es aus, als ob es „brodelte“, so dicht wächst das Grün. Auf dem Rhein – es sieht zuerst aus wie eine Verschmutzung – treiben noch Schwaden von Blütenpollen. Viele Büsche und Bäume haben die Blüten abgeworfen, die Blätter und Spelzen liegen am Boden. Achtlos geht man darüber. Bereits wachsen und reifen die Früchte. Es geht auf den Sommer zu. Weiterlesen