Das Sollen kommt zurück
Viele Menschen können heute mit dem Pflicht-Begriff, mit dem wir Älteren aufgewachsen sind, nichts mehr anfangen. Es geht nicht mehr in erster Linie um das Sollen, sondern um das Wollen. Das Problem ist aber nicht nur, dass wir nicht können wie wir sollen, sondern dass wir uns beim besten Willen verfehlen können.
Wir können nicht aussteigen
Darum war ich fasziniert von dem „Erbsünden“- Gedanken, der das thematisiert. Es gibt „Verstrickungen“, so dass wir das Falsche tun, auch wenn wir das gar nicht wollen. Es gibt „objektive Sünde“ in den Strukturen des Charakters oder der ganzen Weltwirtschaft, so dass wir Profiteure werden von ungerechten Verhältnissen, ob wir wollen oder nicht. Und wir können auch nicht aussteigen. Wir tun im Moment nichts Falsches, tun etwas scheinbar Unschuldiges, wie eine Hose kaufen. Wir sind subjektiv unschuldig und durch dieselbe Tat objektiv schuldig.
Die Verbannung der Ethik aus der Politik…
Das Problem: „ich kann nicht wie ich soll“, stammt aus der Ethik. Da gibt es eine jahrhundertelange Debatte über die Willensfreiheit. In der Politik spricht man von „Willensbildung“. Dass diese sich unter ein „Sollen“ ducken soll, diese Vorstellung ist ein Relikt aus älteren historischen Phasen. Damals war die Politik noch ein Teil der Ethik wie in der Antike; oder wie im Mittelalter, als das Christentum die Debatte beherrschte; oder noch wie in der Aufklärung, die vermitteln wollte zwischen utilitaristischen Auffassungen und einer rationalistischen Tradition, wie bei Kant, etc.
Souverän?
In der Politik frage ich: Wie kriege ich eine Mehrheit für ein Vorhaben? Es geht um Willensbildung beim Erlass von Gesetzen, Verfassungsänderungen, Wahlen. Und wo das Volk auch in Exekutiv-Fragen mitbestimmt, geht es um Strassenführung, den Bau von Schulhäusern und Turnhallen etc. Die Vorstellung ist fremd, dass der Souverän nicht könnte wie er wollte. Die Frage nach dem Sollen ist als historisch überholt verabschiedet. Die Frage, die die Ethik klären wollte: wie man zu intersubjektiv gültigen Normen gelangt, wird nicht mehr philosophisch beantwortet durch die Frage nach dem „Menschen“, was er brauche, was sein Glück oder seine Bestimmung sei, etc. Das riecht heute nach Kommunismus, Sozialismus, nach einer dieser Ideologien, die im 20. Jahrhundert so viele Millionen Tote gefordert hätten.
Diese Frage wird durch ein formalisiertes Verfahren ersetzt: Normen sind gültig, wenn sie rechtmässig und legitim zustande gekommen sind in einem demokratischen Verfahren. So hatte jeder Gelegenheit, mitzuwirken. Jeder ist „Souverän“, weil er nur den Gesetzen gehorcht, die er selber erlassen hat. Er hat ja Wahl- und Mitbestimmungs-Rechte, so jedenfalls in der Theorie.
Staatsverdrossenheit
Die in gewissen Ländern massenhaft auftretende Staatsverdrossenheit, die Wahl-Abstinenz, zeigen aber, dass nicht jedes Wahlgesetz jedem eine selbe Chance gibt. Die formalen Regeln des Staatsrechts müssen sozial unterfüttert werden. Eine Demokratie nach dieser Façon ist überhaupt nur denkbar, wenn ein Mittelstand da ist, der über Bildung und Freizeit verfügt und im Arbeitsprozess nicht völlig ausgepowert wird.
Das alles fliesst zusammen in das Erfordernis einer „Öffentlichkeit“ als sozial-kulturellem Unterbau des Staates, wo Fragen formuliert, diskutiert und konterkariert werden, wo jede Erfahrung eine Chance hat, formuliert und eingebracht zu werden, so dass andere Menschen sich in ihr spiegeln können. So konstituieren sich „Themen“, so werden sie wahrgenommen und Gegenerfahrungen ausgesetzt, so bündeln sich Meinungen, so kanalisieren sich Interessen. So ist die Gesellschaft schliesslich bereit, das in die Politik einzugeben. Vielleicht trauen sie es einer bestehenden Partei zu, das aufzunehmen. Vielleicht entsteht eine Bewegung, die sich erst nach und nach zu einer Partei formt.
… und ihre Rückkehr
Der Vorfall von Fukushima bringt etwas Neues. 2011 bebte die Erde vor der Küste von Fukushima. Eine 23 Meter hohe Flutwelle zerstörte viele Häuser und die dort gebauten Kernkraftwerke. In der Folge kam es in drei von sechs Reaktorblöcken zu einer Kernschmelze.
(„Große Mengen an radioaktivem Material – mehr als das Doppelte von Tschernobyl – wurden freigesetzt und kontaminierten Luft, Böden, Wasser und Nahrungsmittel in der land- und meerseitigen Umgebung. Ungefähr 100.000 bis 150.000 Einwohner mussten das Gebiet vorübergehend oder dauerhaft verlassen. Hunderttausende in landwirtschaftlichen Betrieben zurückgelassene Tiere verendeten…“ Wikipedia)
Der Vorfall ist bis heute nicht unter Kontrolle. Hier stösst die politische Willensbildung auf ihre Grenze: sie kann nicht wie sie will. Hier taucht auch die ethische Frage wieder auf, die man durch die Formalisierung (Legitimation durch Verfahren) so elegant entsorgt hatte. Politik, Parteien, NGOs und neue Bewegungen nahmen die Frage nach der Angemessenheit und Nützlichkeit wieder auf, nach den zumutbaren Risiken, nach den zerstörerischen Nebenfolgen (die die Kosten-Nutzen-Rechnung völlig über den Haufen werfen) und nach dem richtigen Entwicklungspfad dieser Zivilisation.
«Ich kann nicht wie ich soll»
Und jetzt taucht auch das Problem wieder auf: „Ich kann nicht, wie ich soll!“ und diesmal auf politischer Ebene. Plötzlich gibt es wieder eine politische Ethik, oder es sollte sie geben. Sie wird schmerzlich vermisst. Wo sind die Antworten auf diese Fragen?
Die etablierte Politik läuft ab wie gewohnt, die grossen Interessen dominieren. Sie haben den ganzen idealistischen Überbau aus der Zeit, als Europa sich aus den Fesseln eines Adelsstaates befreite und sich auf revolutionärem Weg Demokratie und Rechtsstaat erkämpfte, unterlaufen. Das ist nur noch Fassade, nicht ganz so schlimm wie in den afrikanischen Diktaturen, wo Korruption, Günstlings-Herrschaft und die Kollaboration einer einheimischen Führungsschicht mit internationalen Grosskonzernen bei der Ausbeutung des Landes und seiner Bodenschätze helfen, wo also diese Vorgänge mit den Uniformen einer fremden Verfassungskultur verbrämt sind. Als ob es in einem solchen Land echte Wahlen und Sachabstimmungen geben könnte. Das Beispiel, auf die Schweiz angewandt, überzeichnet, aber es macht die Richtung deutlich. Das ist nicht das total andere der europäischen Verfassungs-Wirklichkeit aber eine Verfallsform davon, die graduell auch hier zu beobachten ist.
Jetzt entsteht auch in der Politik wieder die Frage, wie man das „Wollen“ zum „Sollen“ hin bewegen kann. Welcher Weg, welches Ziel als „richtig“ (Sollen) erkannt werden kann und wie man das anwendet und verwirklicht. Jetzt macht man die Entdeckung, dass man nicht immer kann, was man soll, und das es Vorhaben gibt, die man als legitim und notwendig anerkennt – und trotzdem scheitert man daran. Man kann es nicht, beim besten Willen nicht.
Die Beschreibung der Lage
Darum hat mich die Erbsünden-Tradition so fasziniert, weil sie genau diesen Sachverhalt diskutiert: Ich kann nicht wie ich soll und selber will. Ich will das Gute und tue das Schlechte. Ich kann mir selber zuschauen dabei. Ich tue etwas, was ich gar nicht will. Es gibt „Verstrickungen“, so dass wir das Falsche tun, auch wenn wir nicht wollen. Es gibt „objektive Sünde“. Das falsche Tun hat sich dort objektiviert, in Gewohnheiten und Institutionen niedergeschlagen. Es wohnt in den Strukturen des Charakters. Aber es ist nicht nur die Frage eines einzelnen Menschen, der sein Leben schlecht geführt hätte. Es betrifft die ganze Zivilisation, vielleicht die ganze Menschheit.
Es hat sich niedergeschlagen in der ganzen Weltwirtschaft so dass wir Profiteure werden von ungerechten Verhältnissen, ob wir wollen oder nicht. Wir können auch nicht aussteigen. Wir tun im Moment nichts Falsches, wir tun etwas scheinbar Unschuldiges, wie eine Hose kaufen. Aber dieser Kauf sendet Impulse über den ganzen Globus, die Hose macht eine Reise über viele Kontinente. Da wird der Stoff gewoben, dort die Baumwolle angepflanzt. Dort wird sie gefärbt, dort geschnitten und zusammengenäht, dort erhält sie das Design, dort wird sie vermarktet. – Kürzlich ist eine Fabrik abgebrannt, wo Textilarbeiterinnen fast wie Sklavinnen arbeiteten, unter Bedingungen, die die Fabrik- und Sozial- und Gesundheitsgesetze in den Abnehmerländern schon im 19. JH verboten haben.
Die immer neue Wiederholung
„Die Sünde Adams“ – so konnte man früher sagen, wenn man das Gute wollte, aber das Schlechte bewirkte. Schon der Stammvater des Menschengeschlechts hat uns auf einen falschen Pfad gebracht. „Der Mensch ist wie ein verbogener Pfeilbogen“, klagt Gott bei einem Propheten im Alten Testament. „Man kann noch so genau mit ihm zielen, man trifft nicht ins Schwarze.“ Wir sind nicht nur Einzelmenschen, sondern Teil unserer Gattung, so hört man das Argument heute. Schon in der Urzeit der Menschwerdung wurde ein Schalter umgelegt, sodass wir seither auf einem Entwicklungsweg laufen, der in die Irre führt.
Dieser Gedanke ist heute wieder vertraut, da die Oeko-Bewegung nicht nur einzelne Projekte anprangert, wie Einkaufszentren am Stadtrand, oder Technologien, wie die Kernkraft, oder Folgen der Globalisierung, wie das Leerfischen der Meere. Sie setzt mit ihrer Kritik viel früher an und kritisiert den Entwicklungsweg dieser Zivilisation, die sich gegen die Natur wendet und darum die Konflikte mit der Umwelt schon in ihren Genen trägt. Darum muss jede einzelne Tat diese „Ursünde“ wiederholen, weil Zivilisation auf diesem Weg gar nicht anders konzipiert werden kann.
Der Erbsünde-Gedanken ist heute also verbreitet, wenn die Tradition auch nicht mehr bekannt ist. Bringt es etwas, diese Tradition wieder aufzuhellen? Können Religion und Ethik hier einen Beitrag leisten?
Die Frage, neu gestellt
Schon zur Zeit Kierkegaards war die Zeit dieser Debatte vorbei. Er hat sie als Unzeitiger wieder aufgenommen. Er war interessiert am Zwang, der sich mitten in der Freiheit erhebt, und wollte ergründen, wie es dazu kommt.
Er fand Angst. Und so hat er den Gedanken rekonstruiert. (Ich versuche, das in eigenen Worten wieder zu geben). Es ist die Angst, die uns vor dem Richtigen zurückschrecken lässt. Sie verkörpert sich schon bald in Strukturen, so dass sie uns wie von aussen begegnet und wir sie gar nicht mehr als „unsere Angst“ erkennen. Seit früherster Kindheit üben wir uns in Angst-Abwehr. Das wird verankert in reaktiven Mechanismen des Verhaltens. Taucht ein Reiz auf, der uns an eine prägende Verletzung erinnert, so wird das Entscheidungsverhalten aus- und das reaktive Verhalten ein-geschaltet.
Das Tun, das wir tun, ist nicht mehr unser Tun und es ist es doch: Denn wir haben es getan, es ist unsere Handlung und die Folgen müssen wir uns zurechnen. Aber es ist nicht das, was wir vor Augen hatten, was wir tun wollten. Oft genug ist es das Gegenteil davon. So stossen wir die Menschen ab, auf die wir zugehen wollten.
Wir ängstigen uns bald vor unserer eigenen Angst und was sie zustande bringt. Wir misstrauen unserem Charakter. Eine Zeitlang versuchen wir, auf diesen einzuwirken. Er zeigt sich ziemlich resistent gegen Einsichten, Aha-Erlebnisse, Therapien. Auch die «neuen Erfahrungen», von denen wir viel erwarten: dass sie die Angst falsifizieren könnten, dass sie uns zum Vertrauen befähigen sollten, weil wir erfahren, dass das befürchtete Schlimme nicht eintritt – auch diese Wege der Selbst-Vervollkommnung haben ihre Grenze, und sei es nur die begrenzte Lebenszeit, die keine endlosen Verbesserungs-Schlaufen zulässt. Irgendwann ist das Leben gelebt. Und das war es dann. Und es wird nur noch schlimmer. Wenn ein gehemmtes Kind noch als „schüchtern“ angesprochen wird, im Alter ist es ein „sturer Bock“. Ist der Junge noch „scheu“, so wird seine Zurückhaltung später als „Arroganz“ begriffen. Und man gibt ihm die Antwort, die ein solcher Kerl verdient.
Kierkegaard war interessiert an Freiheit. Er wollte den Zwang aufheben. Denke ich mich als Nachfolger von Adam, so überwiegt das „Erbe“ im Begriffspaar Erb-Sünde. Ich bin bedingt in meinem Tun und unfrei. Dafür trage ich auch keine Verantwortung, da ich ja aus Zwang in diese Lage kam. Denke ich mich aber „gleichzeitig“ mit Adam, wird der Mythos also aufgehoben, dass durch den ersten Menschen ein Defekt ins Handeln-Können all seiner Nachfolger kam, dann bin ich frei. Ich muss dann aber auch die volle Verantwortung für mein Tun übernehmen. Jetzt überwiegt die „Sünde“ im Begriffspaar Erb-Sünde. Die Menschheitsgeschichte könnte auch einen anderen Verlauf nehmen. In der Übernahme der Angst werden wir frei.
Angstfrei?
Tut sie das? Nimmt die Geschichte einen anderen Verlauf? Kann der Begriff Angst etwas beitragen zur Aufhellung der heutigen Verstrickungs-Erlebnisse? Können wir, wenn wir die Angst um unser Fortkommen annehmen und nicht verlagern, diese Weltwirtschaft verändern? Können wir andern eine Chance geben? Vielleicht schon bei der nächsten Verhandlungsrunde um internationalen Handel?
Foto Lagos Food Bank Initiative, Pexels
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