Grosse Erzählungen

Ich habe eine kleine Runde gedreht. Auf dem gemähten Rasen der Badeanstalt wächst Löwenzahn. Weiter hinten blüht der Hahnenfuss. Und über allem liegt ein brauner Teppich von Sauerampfern. Ich freue mich, teilzuhaben an dem Kalender der Blühzeiten. Es erinnert mich an meine frühen Zwanzigerjahre, als ich im Fernkurs das Abitur nachholte und die Botanik-Lektionen zum Anlass nahm, draussen alle Pflanzen zu bestimmen in der Reihenfolge, wie sie blühen.

Beheimatung in der Welt
Es wurde zu einer Beheimatung in der Welt, ähnlich wie die Geologie. Dort begannen nicht nur die Pflanzen zu reden, auch die Hügel hatten eine Geschichte zu erzählen. In der Nachbarschaft gab es z.B. «Drumlins». Sie stammen von Grundmoränen ab und sind Zeugen der letzten Eiszeit.

Damals wurde die Naturwissenschaft überhaupt von der Geschichte eingeholt. Das Periodensystem der Elemente erzählte die Geschichte, wie die Stoffe entstanden sind: in der Gaswolke kurz nach dem Urknall (bis zu Lithium); in den verschiedenen Stern-Generationen (bis Eisen) und in anderen astronomischen Ereignissen, die noch mehr Energie zur Verfügung stellen (Neutronensterne, Supernovae).

Der Zug zum Absoluten
Die Disziplinen wuchsen zusammen, das erlebte ich stark in meinem Matura-Lehrgang, verglichen mit den Erinnerungen an die Sekundarschule zehn Jahr früher. Chemie wurde durch Physik verständlich dank Atomphysik, Biologie durch Chemie und Molekularphysik (weil man sah, wie die Moleküle aufeinander reagierten). Organische und anorganische Stoffe verloren ihre Isolation in getrennten Phänomenen. Als der Harnstoff synthetisiert wurde, baute Chemie eine Brücke zwischen lebenden und nicht lebenden Stoffen und die «Lebenskraft» alter Erklärungsversuche wurde fallengelassen, etc.

So wurde die Erzählung immer universeller, die Synthese der Wissenschaften immer umfassender, bis es eine durchgehende Erzählung wurde, die vom Urknall bis heute reichte. (Und wo Zwischenglieder noch fehlten, ersetzten Hypothesen die Lücke. Das war aber kein Vorwand mehr, um alte Erzählhypothesen weiter zu pflegen. «Gott ist kein Lückenbüsser», meinten sogar die Theologen. Die naturwissenschaftliche Erzählung hatte alle Plausibilität bei sich, von der Synthese der Stoffe im Innern der Sterne, zur Synthese der irdischen Biosphären auf den verschiedenen Kontinenten, die durch die Kontinentaldrift entstanden, bis zur Synthese der Arten und Lebensformen in der Evolutionstheorie.

Mythologie und Dialektik
Die Antike kannte auch eine Synthese, die vom Untersten bis zum Obersten reichte. Sie ging aus von der Anschauung des Jahresgangs in den Flusstälern wie Nil und Euphrat. Die jährliche Flut verdeckt alles, der Rückgang des Wassers lässt alles wieder neu entstehen. Das war die Grunderzählung dieser Kulturen, ausgeschmückt im Chaos-Drachen-Kampf.

Die Philosophen nahmen es auf und ersetzten die Mythologie durch Begriffe. In der Flut ist alles «eins», mit dem Rückgang der Flut kommt «das Viele» hervor, bis die «zehntausend Dinge» wieder da sind. Bei Platon wurde das zum Grundgerüst der Dialektik. Der Gang der Erkenntnis folgt dem Aufbau der Natur, die Diskutierenden gehen den Verzweigungen nach wie der Metzger den Gelenken eines Tiers, das er ausweidet und zerteilt (so erzählt Platon an einer Stelle). So führt der Gang der Erkenntnis vom Elementarsten bis zum Komplexesten. Der Diskussionsgang folgt der Kosmogenese, es ist eine Synkrisis von unten nach oben und eine Diakrisis von oben nach unten. Der Gesprächsgang analysiert das Komplexe und synthetisiert das Einfache.

Im deutschen Idealismus erlebte die Dialektik als Erkenntnisweg eine neue Blüte. Hegel rekonstruierte den Stufengang der Vernunft von unten nach oben und umgekehrt. Er umfasste das Werden der Natur wie den Weg der Geschichte. (Dabei ist das Werden der menschlichen Vernunft in diesen Prozess einbezogen.)

Dialektik wurde zum Schimpfwort
Marx gab diesem Geschichtsdenken eine Wendung, die es für lange Zeit politisch unmöglich machte. «Dialektik» wurde zu einem Schimpfwort, weil es verantwortlich schien für totalitäre Entgleisung und autoritären Machtmissbrauch. Immer wieder tauchten Gruppen auf, die beanspruchten, den dialektischen Weg der Geschichte zu durchschauen. Sie wollten den Leidensweg der Menschen abkürzen, zettelten eine Revolution an und bezeichneten sich als Vorreiter der historisch notwendigen Entwicklung. Als solche konnten sie sich der Umwelt nicht verständlich machen, da diese über die Erkenntnis nicht verfügte, sie mussten anwaltschaftlich regieren, die Last der historischen Verantwortung tragen und den Fortschritt mit Gewalt erzwingen, bis das Ziel erreicht wäre. Dann aber könnten sie zurücktreten, eine Welt von Frieden, Wohlstand und Gerechtigkeit würde sich ausbreiten. Der synthetische Weg von unten nach oben, ist abgeschritten. Die Dynamik erlischt.

Kampf aller gegen alle
(In der Antike haben die Apokalypsen dieses Denken aufgenommen und auch schon auf die Geschichte übertragen. Der Weg von Natur und Geschichte lief dort zusammen in der Abfolge verschiedener Äonen, in denen die Schöpfung sich erneuert und wo für die neue Phase auch ein neuer Herrscher erscheint. In einer Variante hört die Abfolge von Herrschaften auf und Geschichte tritt in eine Endphase ein.

Die Apokalyptik kennt also den kosmogonischen Auf- und Abstieg ebenfalls. Eindrücklich ist die analytische Phase. In den altorientalischen und jüdischen Apokalypsen gibt es einen «Kampf aller gegen alle». Die Analyse geht wirklich bis ganz hinab, die Entzweiung des Einen geht bis zum logischen Ende in einer totalen Zerlegung, wenn alle Verbindung gelöst ist und alles sich bekämpft. Anschaulich wird das z.B. bei Hiob, wenn er beklagt, dass er für seine Angehörigen zum Ekel geworden ist, die eigenen Kinder richten sich gegen ihn, die Frau will nichts von ihm wissen. Oder in der Markus-Apokalypse:

«Wenn ihr aber hören werdet von Kriegen und Kriegsgeschrei, so erschreckt nicht: Es muss geschehen. Aber das Ende ist noch nicht da. Denn es wird sich ein Volk gegen das andere erheben und ein Königreich gegen das andere. … Das ist der Anfang der Wehen. … Und es wird ein Bruder den andern zum Tod überantworten und der Vater das Kind, und die Kinder werden sich empören gegen die Eltern und werden sie zu Tode bringen.» (Aus Mk 13)

Drei Reiche
Den Gang der Geschichte kann man nicht anhalten, so wenig wie die jährliche Wiederkehr der Nilflut und der Jahreszeiten. Im religiösen Bereich wurde die Vielzahl der Äonen (beim alttestamentlichen Daniel sind es noch viele, weil er das Modell benützt, um die Fremdherrschaften zu deuten) auf zwei oder drei begrenzt, weil mit dem Religionsstifter ein für alle Mal eine neue Phase begonnen hat. Im Mittelalter wurde die Zeit der Kirche noch einmal unterteilt durch eine neue Phase. Joachim von Fiore ergänzt die zwei Phasen von altem und neuem Testament durch eine dritte Phase, indem er das Modell der Trinität zu Hilfe nimmt. So folgen sich die Zeitalter des Vaters, des Sohnes und des Heiligen Geistes.

(Diesem Schema folgten selbst noch die Nationalsozialisten, die für ihre «Sendung» eine pompöse Fundierung suchten und ihr Gebilde «Drittes Reich» nannten. Bei Joachim von Fiore ist es das das dritte, endzeitliche Reich des Geistes, das die Freuden des Himmlischen Jerusalem bringt. Allerdings geht bei Joachim dem dritten Reich noch die Ankunft des Antichristen voraus. So liesse sich das Nazi-Regime vielleicht auch von dieser Gestalt her erklären. Besser aber man verzichtet auf jede abgeschmackte Paraphrasierung der christlichen Heilsgeschichte in ihren totalitären Verfallsformen.)

Das Ende der Geschichte
So gibt es ein «Ende der Geschichte» nur, wenn diese Welt überhaupt überstiegen wird in Vertrauensaussagen über das Gehaltensein von Welt und Geschichte in einer religiösen Sphäre. Was in der empirischen Welt geschieht, ist dem Wandel unterworfen und der Abfolge von Tod und Geburt. Das «Ende der Geschichte» ereignet sich also nicht an einem fernen mythologischen Endpunkt, dessen Jahreszahl spekulativ berechnet werden könnte.

Das Ende der Geschichte ereignet sich immer wieder und überall dort, wo ein Mensch diese Welt übersteigt, wo er sich einer überweltlichen Grösse anvertraut. Das ist keine Absage an die Welt, das geht einher mit grosser Freude an der Welt von der kleinsten Blume bis zur grössten Erscheinung am astronomischen Himmel. Es geht einher mit Freude an Kindern und Enkelkindern und dem unbedingten Willen, für sie dazu sein.

Aber auch ihr Leben wird sich nicht erschöpfen in der Abfolge empirischer Ereignisse. Schon kleine Kinder haben eine Ahnung von Woher und Wohin, von Allem und Nichts, von Vater und Mutter, von Geborgenheit und Gehaltensein. Und wenn das in der Erfahrung fehlt, wird es erst recht zu einem Thema, das sie in ihrem Leben begleiten wird und das zu einer Wiederentdeckung der Religion führen wird, wenn diese Kultur die Religion wirklich vergleichgültigt und aufgehoben haben sollte. Aber danach sieht es nicht aus.

Das Ende der Welt
Und das könnte eine Antwort sein auf die angstvolle Frage nach einem Ende der Welt und der menschlichen Geschichte im Gefolge von Artensterben und Klimawandel. Wie sich das Leben auf der Erde transformiert, ob mit oder ohne den Menschen in seiner heutigen Gestalt, ist für uns nicht absehbar und v.a. nicht zu gestalten, das geschieht in erdgeschichtlichen Zeiträumen.

Was bleibt ist das, was von Anfang an da war: Leben entfaltet sich in Sterben und Geborenwerden. Das «Ende» ist jedem Menschen gegenwärtig, wenn er diese Welt in seinem Vertrauen übersteigt, wenn er lernt, sich anzuvertrauen, sich hinzugeben, wenn er sich gehalten und aufgehoben weiss in den Gestalten, die ihm sein Glaube vor Augen stellt. So kann er aufstehen und seine Verantwortung wahrnehmen.

 

Foto Pixabay, Pexels
Aus Notizen 2023