Ich lese von jemandem, der seinen Grossvater sucht. In seiner Familie ist auf Vaterseite alles klar, auf Mutterseite nicht. Ich lese es atemlos, obwohl es kunstlos aufgezählt wird. Diese Frage hat eine Notwendigkeit bei sich, da ist es egal, wie es literarisch daherkommt. Weiterlesen

Ich fahre vor der Arbeit eine halbe Stunde mit dem Fahrrad hinaus. Bei der Kaserne sehe ich die Rekruten stehen. Als ich vor etwa 50 Jahren hier einrückte, war es eine stabile Welt. Man konnte damit rechnen, bei der Entlassung wieder dieselbe Welt anzutreffen, die man beim Einrücken hinter sich lassen musste. So war die Rekrutenschule erträglich, es waren 17 Wochen „Pause“, bevor das „eigentliche Leben“ weiterging. Weiterlesen

Ob sich jemand in der Lebensmitte an Gott wendet, ist nicht eine Frage, ob er sich seinen Kinderglauben bewahrt hat, sondern eine Frage, ob seine Verzweiflung gross genug ist. Erst die Verzweiflung hebt auf diese Höhe, wo das Ganze des Lebens in eine Gestalt zusammen fliesst, z. B. indem jemand sein Leben fortwerfen will und dabei, in diesem Moment, die Erfahrung macht: „fortwerfen kann ich es ja immer noch, ich will es einsetzen“. Weiterlesen

Zurück aus den Ferien. Ich habe die Fotos gesehen, die von mir gemacht wurden: Ich bin erschrocken. Ich hatte Mühe, das anzusehen. Es fiel mir schwer, den als «ich» wahrzunehmen, der da zu sehen war. So down in den Ferien, so bitter der Zug um den Mund, so traurig das Gesicht. Ich erschrak, als ich mich sah. Weiterlesen

Ich sah gestern im Fernsehen einen Film von 1962 – ich war damals 13 Jahre alt. Ich erinnere mich an diesen und andere solche Filme. Sie standen noch unter dem Eindruck des Zweiten Weltkriegs und des Kalten Krieges und handeln von Doppelagenten. Das war damals neu und aufregend: Weiterlesen

Hier steige ich immer ab. Da vorne verengt sich der Feldweg, Bäume treten näher heran und markieren so etwas wie einen Durchgang. Hier halt ich immer an und spreche ein Gebet. Es ist vielleicht zu einer Gewohnheit geworden, aber der Grund, der mich zum ersten Mal hier beten liess, macht sich immer wieder bemerkbar: Weiterlesen

Wenn ich in der Frühe Psalmen höre, bleibt oft etwas hängen, das mich durch den Tag begleitet. Die Verse sind manchmal unscheinbar. Aber es liegt doch ein Glanz darauf und untertags entfalten sie ungeahnte Kraft. Weiterlesen

In der Post liegt ein Brief mit Trauerrand. Ich erschrecke. Wer kann das sein? Ich gehe im Kopf die Namen durch. Nach dem Öffnen aufatmen, es ist eine Danksagung, die Beerdigung war vor zwei Wochen. Weiterlesen

Vor dem Einschlafen höre ich Psalmen. Da betet einer, er wasche seine Hände in Unschuld. Und er beteuert, er habe «ohne Schuld gelebt». Mit dem Schlafen ist es erstmal vorbei, wie kommt einer zu einer solchen Aussage? Weiterlesen

Jeden Abend sitzen wir vor dem Fernseher und schauen zu, wie ukrainische Städte bombardiert werden. Gestern war die Reihe an … Ich erinnere mich nicht mehr, die Namen verschwimmen in der Erinnerung und die Zeitung heute früh melden es schon gar nicht mehr, wenn es nicht etwas «Grosses» war. Am Abend sitzen wir dann wieder vor dem TV und schauen zu. Es ist obszön. Weiterlesen