Paukenschlag

Gestern war ein besonderer Tag, er wird in Erinnerung bleiben wie der Tag, als wir vor dem Fernseher sassen und die Mondlandung verfolgten oder der Tag, als die Flugzeuge in die Hochhäuser rasten. Auch diesmal verfolgten wir bis in die Nacht hinein die Nachrichten. Trump hatte die Wahlen gewonnen, er versprach seinen Landsleuten ein goldenes Zeitalter. Korrespondenten versuchten, auseinander zu nehmen, was das für den Rest der Welt bedeute. Deutschland, als stärkste Macht in Europa, sah sich neu gefordert, und ausgerechnet in diesem Moment zerbrach die Regierungskoalition.

Pistole auf der Brust
Die FDP, die seit Monaten in den Wahlprognosen unter der 5%-Hürde lag, versuchte, sich in einer verzweifelten Aktion gegen den Untergang zu stemmen. Parteichef und Finanzminister Lindner setzte seinen Koalitionspartnern die Pistole auf die Brust. Entweder sie würden seinen Maximalforderungen zustimmen oder er würde die Koalition platzen lassen. Die Forderungen, das war ein schnell zusammengeschustertes Programm mit der reinen liberalen Lehre, verbunden mit Budget-Kürzungen für Klimaschutz und Soziales, was die «raison d’être» von SPD und Grünen darstellt. Der Untergang der einst stolzen Wirtschaftspartei wäre dann nicht die Schuld der Parteioberen gewesen, die sich heldenhaft für die liberale Grundordnung geopfert hätten, sondern die Unbelehrbarkeit von Roten und Grünen.

Schlittschuhlaufen
Um in dem ernster gewordenen politischen Umfeld wieder Handlungsfähigkeit zu gewinnen, wollte Bundeskanzler Scholz auf die Opposition zugehen. Eine Absprache von Fall zu Fall könnte Entscheidungen ermöglichen, für die in der Ampel-Koalition keine Mehrheit mehr zu finden ist. Falls die Opposition schnelle Neuwahlen verlangt, wird es vielleicht doch auf eine überparteiliche Absprache hinauslaufen, denn Koalitionspartner sind in der heutigen Zeit offenbar schwer zu finden.

Die Regierungsbildung in Sachsen und Thüringen hangelt sich an wenigen Haltegriffen durch, da die Mitte sich eine Kooperation mit Links und Rechts verboten hat und das Bündnis Sarah Wagenknecht völlig andere geopolitische Ziele anstrebt, so dass jede Einigung in den Bundesländern von der Parteizentrale in Berlin wieder desavouiert wird. Der Bereich der politischen Mitte, wo Konsens herrscht über die elementaren Werte und Ziele, ist schmal geworden. Das politische Parkett wirkt wie vereist, Politik gleicht einem Slalom-Laufen.

Traumatisierung für Generationen
Israel nutzt die Gunst der Stunde ebenfalls. In der Wahlnacht  entliess der israelische Premierminister seinen Verteidigungsminister Yoav Gallant. Dieser war ein Fürsprecher der Geiselfamilien und verlangte immer wieder eine diplomatische Lösung zur Beendigung des Krieges. Dieser Krieg wird jetzt wohl mit den Maximalforderungen der Rechten fortgeführt.

Israel baut sich eine gewaltige Hypothek für die Zukunft auf. Wenn das Land früher von der Vergangenheit fast erdrückt wurde, dem versuchten Völkermord in der Shoah, so scheint das Gewicht, das sich über Zukunft aufbaut, auch sehr gross. Denn in diesen Kriegen werden ganze Generationen von Menschen traumatisiert. Ein Trauma lenkt das Fühlen, Denken und Handeln über Generationen. Und es beeinflusst nicht nur das bewusste Verhalten, es agiert aus dem Dunkeln, selbst aus dem Nicht-mehr-Bewussten von Erfahrungen, die die Vorfahren erlitten haben. Und es braucht Generationen, bis das verarbeitet wurde und Versöhnung möglich wird. Traumatisierung wirkt wie ein Verstärker, jeder Schritt zur Versöhnung, der heute unternommen wird, erspart tausend Schritte in der Zukunft.

 
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