Ich glaube, ich kann vieles, was Sie mir im Brief erzählen, aus dem eigenen Leben nachvollziehen. Ich trage aus meiner Kindheit nicht jene Sicherheit des Daseins in mir, die aus guten, stärkenden Beziehungen stammt. Ich muss lernen, mir die Anerkennung selber zu geben, die ich aussen suche, die Wärme, das Schützende, das Väterliche und das Mütterliche. Ich finde das Vertrauen zu dieser Welt, das Gefühl, in dieser Wirklichkeit gehalten und geborgen zu sein, nicht selbstverständlich in mir. Darum ist es zu einem Lebensthema für mich geworden. Weiterlesen

Zum Advent

Seit ich älter werde habe ich mehr Freude an dem Brauchtum um Advent und Weihnachten. Ein von den Kindern gebastelter Adventskalender, Guetsli backen, die Frage „was wünscht du dir denn zu Weihnachten?“, einen Baum schmücken… Die Kinder haben es mir nähergebracht. Als junger Mann war ich eher auf der rationalen Seite. Mehr und mehr ist es aber auch von Wehmut umgeben, seit es spürbar wird, dass die Kinder bald ausziehen werden. Sie sind gross geworden. Die Bräuche sind gefüllt mit Erinnerungen an schöne Familienanlässe. Und diese Zeit geht vorbei. Weiterlesen

Es geht nicht nur um den Stand von Theologie und Kirche heute in der Gesellschaft, ob ihre Vertreter unter den Honoratioren sitzen dürfen und ob die Theologie an staatlichen Fakultäten gelehrt wird. Weiterlesen

Die Geschichtswissenschaft wird vom Staat manchmal in Dienst genommen, v.a. in Krisen, wenn Verbrechen aus der Vergangenheit ans Licht kommen, wenn kollektive Traumata berührt werden, die das Potential haben, Politik und Gesellschaft nachhaltig zu verstören. Dann setzt der Staat gern Historiker-Kommissionen ein, die das untersuchen und Leidensbestände in der Gesellschaft «aufarbeiten» sollen. Weiterlesen

Der Philosoph Jürgen Habermas wird in der Kirche gern gelesen. Er vertritt eine moderne Welt in der Phase des «nachmetaphysischen Denkens» und spricht doch voller Anerkennung von Religion und Kirche. «Säkulare Sprachen, die das, was einmal gemeint war, bloss eliminieren, hinterlassen Irritationen», sagt er in seiner Dankesrede zur Überreichung des deutschen Friedenspreises 2001. Weiterlesen

„Was ist mir denn so wehe?“ so fragt der deutsch Dichter Joseph von Eichendorff in einem Gedicht. Seine Tochter Anna ist gestorben – kaum zwei Jahre nach ihrer Geburt. Dieser Verlust reisst ihn aus dem Leben. Er verliert die Heimat in dieser Welt, er kennt sich nicht mehr aus in seinem Alltag. Weiterlesen

Es ist November. Am Morgen ist es dunkel, wenn der Tag beginnt. Draussen ist es nass und kalt. Aber immer wieder bricht die Sonne durch. Sie reisst die Nebeldecke auf. Und noch einmal leuchtet der Herbst im farbigen Laub der Bäume. Und die Menschen atmen auf. Der Himmel wird leichter über ihnen.

Bald beginnt der Advent. Er bringt Bilder voll Licht und Wärme in die kalte Jahreszeit. Er erzählt von einem neuen Anfang. Doch vorher steht noch etwas an.

Im November erinnert man sich der Verstorbenen. Es ist Tradition, aber es tut auch in der Seele gut, wenn man seine Lieben besucht auf dem Friedhof. In der Kirche feiert man den Ewigkeits-Sonntag.

Wie ist es, wenn unser Leben zu Ende geht? Weiterlesen

Unsere Tochter, die Nahoststudien betreibt, hat mir ein Buch von Ibn Tufail geschenkt, dem islamischen Theologen aus dem 12. Jahrhundert. Wie die christlichen Theologen stand er vor der Frage, wie die neu bekannt gewordene aristotelische Philosophie mit der Glaubenslehre in Übereinstimmung gebracht werden kann.

Er verteidigte die Philosophie gegenüber den Angriffen der Glaubens- und Rechts-Gelehrten. Die philosophische Erkenntnis stimme mit den „richtig verstandenen“ Inhalten der Offenbarungsreligion überein, besser sogar als „die bloss symbolhafte Religion der breiten Massen“.

Epochen der Geistesgeschichte
Das war auch das Ziel der christlichen Theologen jener Zeit. Und seither sind die Versuche, nicht abgerissen, den Glauben an Gott mit der Kultur und ihren Wahrheitsbegriffen zu versöhnen. Das begleitet die Geistesgeschichte in ihren immer neuen Anläufen, die Wirklichkeit zu verstehen. Immer wieder kam eine neue Sicht auf. Bei den grossen Umbrüchen setzte man eine «Epoche» und sprach von «Mittelalter» «Renaissance», «Neuzeit», etc. Aber immer schneller veränderte sich der kulturelle Rahmen. Immer schneller drehte sich das Karussell der Vermittlungs-Versuche.

Wer sich mit protestantischer Theologie im 19. Jahrhundert beschäftigt, bewundert die Vielzahl von Entwürfen. Sie folgen den verschiedenen philosophischen Systemen auf dem Fuss. Es war eine ungeheuer produktive Zeit. Aber das eine System frass das andere auf. Die Druckerschwärze war kaum eingetrocknet, schon kam der nächste Entwurf.

Das Karussell der «turns» und «Wenden»
Auch unsere Zeit ist schwer auf den Begriff zu bringen, immer schneller drehen sich die Versuche, das Wesen dieser Zeit zu erfassen. Nachdem die Philosophie eine «sprachphilosophische Wende» durchgemacht hat, häufen sich die Entwürfe. Immer neue «turns» und «Wenden» werden nach dem Vorbild dieses «linguistic turn» ausgerufen. Die NZZ berichtet heute (17. Oktober 2019) von der «relationalen Wende» in der Psychologie und gestern vom «ontological turn» in der Ethnologie. Nach dieser Wende wird auch Magie wieder salonfähig, es entspricht ja dem «Wirklichkeitsdenken» afrikanischer Kulturen. Und wir können uns davon nicht distanzieren, da es keine Wahrheits-Konzepte mehr gibt, die kulturelle Schranken überwinden könnten. Im kulturellen Relativismus dieser Zeit würde das als neokoloniale Anmassung empfunden.

Relativismus
Wer meint, auf diesen Zug aufspringen zu können, der muss auch all die andern turns berücksichtigen. Nach dem „cultural turn“ folgten der „practice turn“, der „performativ turn“, der „pictorial turn“, der „geographical turn“ der „emotional turn“. Weitere Wenden sind der „somatic“ oder corporeal turn“, der interpretive turn, der performative turn, der reflexive (rhetorical, literary) turn, der postcolonial turn, der translational turn, der spatial turn, der graphic turn und der iconic turn oder pictorial turn.

Schon lange beklagen sich die Fachvertreter über die Inflation von Neuansätzen und sehen sich doch gezwungen, in dem Wettrennen mitzumachen. Es wundert nicht, wenn die systematische Theologie heute keine Breitenwirkung mehr entfaltet. Wenn die Relativität aller Hinsichten ideologisch festgemacht ist, gibt es keinen Boden für eine Verständigung über den Zufall der Identität hinaus, in die man hineingeboren wurde.

(Eine kritische Würdigung findet sich in Doris Bachmann-Medick: Turns und Re-Turns in den Kulturwissenschaften, in Michael Gubo et al: Kritische Perspektiven: „Turns“, Trends und Theorien, S. 128 – 143).

Der «Geschmack» des Glaubens
Ibn Tufail, der islamische Gelehrte des 12. Jahrhunderts, verteidigte die philosophische Erkenntnis gegen die Angriffe der Glaubenshüter. Gleichzeitig verteidigte er den Glauben gegen seine Aufhebung in Philosophie. Er nahm die Mystik auf, „indem das Schmecken (dauq), die unmittelbar intuitive Erfahrung als Erkenntnisquelle etabliert und dem theoretischen Erfassen (idrak nazari) gleichgestellt, ja übergeordnet wird. Beide Wege bzw. Methoden (tariq), die Philosophie wie die Sufik, werden dabei miteinander verwoben und bedingen sich gegenseitig.“ Das sei der „mystic turn“ von Ibn Tufail, schreibt der Herausgeber des Buches von Ibn Tufail.

Vielleicht brauchen wir heute auch im Christentum einen solchen «mystic turn»: eine neue Wertschätzung für einen Glaubenszugang über Intuition und Glaubensübung. Denn diese sind der rekonstruierenden Erkenntnis nicht nachgeordnet, darin lebt der Glaube.

Die Quelle
Ibn Tufail verwandelt die religiöse Erfahrung nicht in Aussage-Sätze einer Theologie oder Philosophie, oder nicht nur. Er behält den Kontakt zur Erfahrung, die das Wesentliche ist, die Quelle, das Leben, der Inbegriff, wo ein Mensch zum Ziel findet und jeden Tag Freude und Zuversicht erleben kann.

Hier ist der Ort, wo er hingehen kann, die Türe, durch die er schreiten kann, der Garten, der sich öffnet. Hier ist der Augenblick, wo er sich vor Gott hinstellen kann und sich in Gott alles gegenüberstellen. Hier ist das Gebet, wo er alles vor Gott hinbringen kann, Orientierung finden, so dass er nachher im Alltag auf alles zugehen kann. Hier ist die Begegnung, die Mitte, das Vertrauen, so dass er alles übergeben kann und auch sich selbst, worauf er alles zurückerhält – sich selbst und die Situation und die Welt – aber anders gedeutet, er sieht, wie es weitergeht, er ist voll Mut und Zuversicht.

 

Das erwähnte Buch ist: Abu Bakr Ibn Tufail, der Philosoph als Autodidakt. Ein philosophischer Inselroman, Hamburg 2009

Foto von Moon Bhuyan von Pexels

Die reformatorische Auffassung von der Bibel, vom biblischen «Wort» und seiner Verkündigung, ist keine Literatur- oder Sprachtheorie, sondern ein mystisches Konzept. Es handelt von „allem“ und wie der Mensch darin situiert ist. Weiterlesen

Zum Reformationstag am 31. Oktober

Die Reformation ist eine Epoche in der Geschichte, die auch nach 500 Jahre nichts von ihrer Wirkung eingebüsst hat. Das kann uns wieder bewusst werden, wenn wir sehen, wie andere Kulturen mit ihrer heiligen Schrift umgehen. Weiterlesen