Einträge von petwin

Auf den Lehrstuhl, ins Gefängnis

Mitte 19. Jahrhundert kamen zwei Deutsche nach Zürich, der eine ein liberaler Theologe, der andere ein Kommunist. Der erste bekam einen Lehrstuhl, der andere landete im Gefängnis. Der erste brachte die Bevölkerung gegen sich auf, der zweite die Obrigkeit.

Gebet

Gebet Gott, ich weiss, dass Du da bist! Ich höre Dich nicht, aber ich weiss es gegen alles Schweigen! Ich sehe dich nicht, aber ich weiss es gegen alles Dunkel! Ich spüre Dich nicht, aber ich weiss es gegen alle Beweise meiner Hand, die ins Leere tastet. Ich weiss es einfach, und damit weiss ich […]

Katholische Weite und reformierte Enge

Ab und zu steige ich ins vierte Untergeschoss hinab. Hier im «Bauch von Zürich» lagern die theologischen Zeitschriften aus aller Herren Länder. Was mir hier auffällt, wo alle Religionen vorhanden sind: wie weit es mir wird bei den katholischen Zeitschriften und wie eng bei den reformierten.

In einem anderen Leben

Ich lese von jemandem, der seinen Grossvater sucht. In seiner Familie ist auf Vaterseite alles klar, auf Mutterseite nicht. Ich lese es atemlos, obwohl es kunstlos aufgezählt wird. Diese Frage hat eine Notwendigkeit bei sich, da ist es egal, wie es literarisch daherkommt.

Nach den Überflutungs-Berichten

Ich fahre vor der Arbeit eine halbe Stunde mit dem Fahrrad hinaus. Bei der Kaserne sehe ich die Rekruten stehen. Als ich vor etwa 50 Jahren hier einrückte, war es eine stabile Welt. Man konnte damit rechnen, bei der Entlassung wieder dieselbe Welt anzutreffen, die man beim Einrücken hinter sich lassen musste. So war die […]

Im Bauch des Wals

Die Geschichte vom Menschen, der von einem Wal verschluckt wurde und bis zum Grund des Meeres reiste, ist fiktiv. Es sind aber reale Erfahrungen, die hier zu einem Mythos verdichtet werden. Auch wer heute von der Erzählung gepackt wird, fühlt sich erinnert an eigene Erlebnisse von Überwältigt-Werden, von Dunkelheit und von Suchwegen im Ungewissen. Das […]

Die Wende zu Gott in der Lebensmitte

Ob sich jemand in der Lebensmitte an Gott wendet, ist nicht eine Frage, ob er sich seinen Kinderglauben bewahrt hat, sondern eine Frage, ob seine Verzweiflung gross genug ist. Erst die Verzweiflung hebt auf diese Höhe, wo das Ganze des Lebens in eine Gestalt zusammen fliesst, z. B. indem jemand sein Leben fortwerfen will und […]

Mühe, mich zu ertragen

Zurück aus den Ferien. Ich habe die Fotos gesehen, die von mir gemacht wurden: Ich bin erschrocken. Ich hatte Mühe, das anzusehen. Es fiel mir schwer, den als «ich» wahrzunehmen, der da zu sehen war. So down in den Ferien, so bitter der Zug um den Mund, so traurig das Gesicht. Ich erschrak, als ich […]

Der Pfarrer und der Doppelagent

Ich sah gestern im Fernsehen einen Film von 1962 – ich war damals 13 Jahre alt. Ich erinnere mich an diesen und andere solche Filme. Sie standen noch unter dem Eindruck des Zweiten Weltkriegs und des Kalten Krieges und handeln von Doppelagenten. Das war damals neu und aufregend:

Die Fenster öffnen

Die heissen Tage haben begonnen. In Deutschland ist Starkregen angesagt. Ich will etwas über Wirklichkeit scheiben. Wer ist dazu berufen? Vielleicht der, der den Impuls empfindet, ein Fenster aufzureissen, damit man atmen kann. Die Alternativlosigkeit der geltenden Wirklichkeits-Behauptung erstickt einen. Danke Du da vorn, danke, dass Du das Fenster aufmachst!